Reportage „Körperpflege im Wandel der Zeit“

Reportage „Körperpflege im Wandel der Zeit“

Ums Thema Körperpflege wurde immer schon viel Aufwind gemacht – Kaiserin Sisi betrieb einen regelrechten Körperkult. Über öffentliche Badehäuser, die (fast) wasserlose Körperpflege im Barock bis hin zu fragwürdigen Frisurentrends – all dem ging ich für meine Reportage „Körperpflege im Wandel der Zeit nach“. Darüber hinaus durfte ich Reinold Geiger, der 1996 die französische Naturkosmetikmarke L’Occitane gekauft hat, ein paar Fragen zum Thema Körperpflege stellen.

 

Körperpflege im Wandel der Zeit

Der Teint soll makellos sein, die Haut straff, geschmeidig und ohne Dellen, das Aussehen jugendlich, die Zähne strahlend weiß, das Hautbild ebenmäßig, die Nägel manikürt, das Haar gepflegt, die Gesichtszüge faltenfrei – wurde schon immer ein derartiger Kult rund ums Thema Körperpflege betrieben?

Definitiv ja. Abhängig von zeitgeschichtlicher Epoche, Kulturkreis, gesellschaftlichem Status, Religionszugehörigkeit und technologischen Entwicklungen gab es allerdings unterschiedliche Ausprägungen. Doch der Wunsch, sich zu (ver)zieren, indem man sich schminkt, ölt und salbt, ist so alt wie die Menschheit selbst. Stand früher der medizinische Aspekt inklusive der Vermeidung von Krankheiten im Fokus der körperlichen Hygiene, geht es heute vordergründig um den kosmetischen Faktor – zumindest in Industrieländern. Intensive Körperpflege zielt darauf ab, das persönliche Wohlbefinden zu steigern, ästhetischen Ansprüchen gerecht zu werden, sich begehrenswert zu fühlen. Im Wettbewerb stehen und sich miteinander messen zu wollen zählt zu der am weitesten verbreiteten Charaktereigenschaft der Spezies Mensch. Bei Kindern ist es das größere und schönere Spielzeug, später differenzieren wir uns durch unser Äußeres.

Badekultur

Die Ursprünge der europäischen Badekultur liegen in der Antike, als öffentliche Badehäuser auch eine wichtige soziale Funktion hatten. Im Römischen Reich entwickelte sich unter griechischem Einfluss eine umfassende Badekultur, Hygiene spielte ab der späten Republik eine große Rolle. Bäder und Toiletten in privaten Häusern waren den finanziell gut Situierten vorbehalten. Daneben gab es große öffentliche Bäder – die sogenannten Thermen –, in denen entweder räumlich oder zeitlich getrennt nach Geschlechtern gebadet wurde. Ein typisches Badehaus verfügte über mehrere Räume. Im Warmbaderaum (tepidarium) konnte man sich bei einer Temperatur von 20 bis 25 Grad von Bediensteten einölen und massieren lassen.

Hauptjob: Schönheitspflege

Frauen waren in der römischen Gesellschaft von Politik und Öffentlichkeit ausgeschlossen, weshalb die Schönheitspflege zu ihrer Hauptbeschäftigung wurde. Um unerwünschte Körperhaare zu entfernen griffen sie zu Bimsstein, Harz und Wachs. Schminken war in allen Schichten weit verbreitet – auch bei Männern. Lidschatten wurde aus Ruß gewonnen, die Farbe des Lippenstifts aus Ocker. Kalkweiß oder weißes Blei kamen als Puder zum Einsatz, denn braune Haut hätte von schwerer Landarbeit gezeugt und galt als ordinär. Cremes, Salben und Masken aus Eselsmilch, Honig und Mehl erfreuten sich großer Beliebtheit. Die Frisuren der Römerinnen änderten sich im Laufe der Zeit und richteten sich nach Alter und sozialem Status. Unabhängig vom jeweiligen Frisurentrend färbten sie ihr Haar schwarz, rot oder blond. Die schwarze Farbe wurde aus verwesten Blutegeln gewonnen, für rotes Haar griff man auch damals schon zu Henna und blondiert wurde mit der „sapo“, einer Vorläuferin der heutigen Seife, die aus Birkenasche und Ziegenfett bestand.

Luxusgut Badezimmer

Bereits im alten Rom und in Ägypten gab es private Badezimmer, die jedoch den Wohlhabenden vorbehalten waren. Im Mittelalter verfügte anfangs nur der Adel über eigene Badegelegenheiten, die für heutige Begriffe noch recht rudimentär waren: Ein großer Holzzuber wurde zum Schutz vor Splittern mit einem Tuch ausgelegt, das Wasser musste vom Brunnen herangeschafft und über dem Feuer erhitzt werden.

Im Spätmittelalter gehörte das gemeinsame Bad in Adelskreisen zum Hofzeremoniell – es war ein Zeichen besonderer Gastfreundschaft, die Gäste vor einem Festmahl zum Baden einzuladen.

Die große Masse der europäischen Gesellschaft verfügte jedoch erst ab dem 20. Jahrhundert über ein privates Badezimmer.

Ganz schön gepflegt

Im Mittelalter nahm die Körperpflege einen sehr hohen Stellenwert ein. Lediglich für die Unterschicht war das tägliche Bad unerschwinglich. Für sie waren die öffentlichen Badestuben gedacht, in denen es keine Geschlechtertrennung gab, dafür aber reichlich gegessen, getrunken und gefeiert wurde, was der Kirche bald ein Dorn im Auge war. Die Situation war recht widersprüchlich, weil die Badestuben meist im Besitz von Bischöfen und Landesherren standen – einerseits traten sie gegen den moralischen Verfall an, andererseits profitierten sie von den Gewinnen.

Großer Wert wurde auch auf Kosmetik gelegt – sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Wangen und Lippen wurden mit dem roten Farbstoff der Schildlaus gefärbt. Ein blasser Teint war in Adelskreisen ein absolutes Muss und galt als Zeichen höchster Eleganz. Erzielt wurde er mit weißer Schminke auf Basis von Weizenschrot oder Bleiweiß.

Auch die Haarmode war vor allem eine Angelegenheit des Adels. Mit Eiweiß und Brenneisen wurde das Haar gelockt oder gekräuselt. In zu dünnes Haar flocht man Seiden- oder Goldfäden ein, um mehr Fülle vorzutäuschen.

Barbiere und sogenannte Bader hatten vielfältige medizinische, hygienische und kosmetische Aufgaben zu erfüllen: dazu zählten die Pflege von Haaren und Bärten ebenso wie Massage, Heilen von Geschwüren und Wunden oder die Ausübung kleiner chirurgischer Tätigkeiten.

Das Ende der Badehäuser

Als die damals unheilbare Geschlechtskrankheit Syphilis von spanischen Söldnern aus Südamerika nach Europa eingeschleppt wurde, bedeutete dies im 15. und 16. Jahrhundert das Ende der meisten öffentlichen Badehäuser. Wegen der großen Ansteckungsgefahr wurden sie geschlossen. Dies ging mit der Ansicht vieler Ärzte einher, Baden sei schädlich und überflüssig, weil das Wasser beim Bad durch die Poren der Haut in den Körper eindringen und sich dort mit den „Körpersäften“ vermischen würde, was wiederum Krankheiten auslösen könnte. Damit geriet die ganze Badekultur in Verruf.

Gestaubt und gepudert

Im Barock setzte sich diese Entwicklung fort. Die Körperpflege wurde fast ohne Wasser betrieben, die Menschen rieben sich lediglich mit feuchten Tüchern ab. Danach wurde in den dafür vorgesehenen Puderkammern heftig „gestaubt“. Generell hatte die Haut makellos rein und weiß zu sein, weshalb Schutz vor der Sonne absolute Pflicht war. Zusätzlich kam sehr viel Puder und Bleiweiß zum Einsatz. Exzesse der Schönheitspflege waren häufiger Aderlass – „zur Ader lassen“ bedeutet kurz gefasst, dass eine Vene geöffnet wird, damit Blut herausfließen kann, um die Haut blass (blutleer) erscheinen zu lassen – sowie die Einnahme von Atropin (Gift der Tollkirsche) für den schmachtenden, großäugigen Rehblick.

Der Toilettentisch stieg zum zentralen Accessoire der täglichen Hygiene auf, Badezimmer spielten nur mehr eine Nebenrolle. Dafür legte man großen Wert auf Wäschepflege. Die Unterwäsche nahm Schweiß und Schmutz auf und wurde von den Reichen fast täglich gewechselt. Weiße, duftende Unterwäsche war Zeichen von besonderer Gepflegtheit und konnte in Form von Rüschen überall hervorschauen. Parfümiert wurde sowohl Wäsche als auch Körper, Kleider und Möbel – damit wollte man die Pest und sonstige Krankheiten vertreiben. Mit Majoran, Basilikum oder Lavendel gefüllte Riechkissen wurden in die Kleidung eingenäht.

Haarige Angelegenheiten

Im 18. Jahrhundert wurden Haare mit fettigen Pomaden behandelt, damit Haarpuder darauf haftete. Im frühen Barock kam dank Sonnenkönig Ludwig XIV. die Perücke wieder in Mode und wurde zu einem wichtigen Standessymbol und Attribut der höfischen Kleidung in Europa. Perücken wurden aus Menschen-, Ziegen- und Pferdehaar sowie Seide und Flachs hergestellt. Sie wurden gehegt und gepflegt und täglich im richtigen Farbton (die damalige Lieblingsfarbe war Silbergrau) gepudert. Dafür hielt man von der Pflege des eigenen Haares in Form von Kopfwäsche relativ wenig – die Perücke wurde einfach auf die eigenen, ungepflegten Haare gesetzt.

Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn

Auch Sissi verwendete viel Zeit auf das Waschen ihrer Haare mit immer neuen Essenzen (bevorzugt Cognac und Ei). Sie verfolgte überhaupt einen regelrechten Körperkult, trieb viel Sport, achtete sehr auf ihre Figur, legte großen Wert auf Natürlichkeit und lehnte starke Schminke oder Parfüm strikt ab. Über Nacht legte sie gepresstes Rindfleisch ins Gesicht – damals eine gewöhnliche Maßnahme –, um das jugendliche Aussehen ihres Gesichtes zu erhalten.

Zähne und Nägel

Ein unerlässlicher Bestandteil der Körperpflege bildet die Versorgung von Zähnen und Nägeln. Schon in der Steinzeit stocherten sich Menschen mit Weidenstöcken die Zähne sauber. Im Laufe der Zeit wechselten einander Zahnpulver, Zahnsalz und Zahnseife ab, bis Mitte des 19. Jahrhunderts durch Hinzufügen von Glycerin die uns heute bekannte Zahnpasta das Licht der Welt erblickte. Deren Vorläufer enthielten Stoffe wie beispielsweise pulverisierte Knochen, Horn, Muschelschalen, Bimsmehl, Marmorpulver, Eier-, Sepia- oder Austernschalen. Als Werkzeuge verwendete man einen nassen Finger, ein Holzstäbchen oder ein Schwämmchen.

Wandmalereien belegen, dass die Fußpflege bereits im alten Ägypten zur Anwendung kam. In China zeigte der Träger langer Fingernägel zur Zeit der Qing-Dynastie, dass er keiner körperlichen Arbeit nachgehen musste. In manchen Ländern Asiens und Afrikas ist das heute noch üblich, wobei meist nur mehr der Nagel des kleinen Fingers ungeschnitten bleibt.

Dufte Sache

Die Geschichte des Parfüms beginnt in den alten Hochkulturen Ägypten und Indien. Priester, die auf den Umgang mit Harzen, Balsamen und Salben spezialisiert waren, stellen die Duftmischungen her. Wohlgeruch wurde zugleich als Ausdruck von Gesundheit verstanden.

Indien ist reich an schier unerschöpflichen Quellen duftender Rohstoffe. Nachdem Venedig zum wichtigen Handelsplatz aufgestiegen war, gelangten große Mengen neuer Kräuter und Gewürze nach Europa. Im 15. Jahrhundert kamen die ersten ätherischen Öle in den Handel. Rund 100 Jahre später stieg der Ort Grasse in Frankreich zum Gründerzentrum der europäischen Parfümindustrie auf. Es wird streng zwischen einem königlichen Parfüm und dem Parfüm für die einfachen Leute unterschieden – Parfüm wird damit zum Symbol für materiellen Wohlstand.

Make me up

Vermutlich ist das Zieren des eigenen Körpers so alt wie die Menschheit selbst. Zunächst wurde das Schminken zu rituellen Zwecken im Rahmen von Fruchtbarkeitskulten zelebriert und entwickelte sich erst allmählich zu dem, was es heute ist. In jeder Epoche gab es andere Schwerpunkte: So hatte im alten Ägypten die Betonung der Augen eine besondere Bedeutung, in der Renaissance hingegen wurde das Färben von Wangen und Lippen wieder populär.

Mit der Erfindung des Lippenstifts Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt die Kosmetikindustrie einen neuen Schub, die Umsätze stiegen stark an. Die damalige französische Schauspielerin Sarah Bernhardt machte den Lippenstift populär, als sie mit kirschrotem Mund auf der Bühne stand.

Ein bunter Strauß an Vielfalt

Noch nie war die Vielfalt an Kosmetik- und Körperpflegeartikeln dermaßen umfangreich wie heutzutage. Für jede Unzulänglichkeit gibt es ein Wässerchen, sämtliche uns selbst auferlegten, von der Kosmetikindustrie initiierten Ansprüche scheinen erfüllbar zu sein. Gab es früher schon teils fragwürdige, manchmal sogar lebensbedrohliche Kulte rund ums Aussehen, sind es heute Inhaltsstoffe wie Mineralöle, Silikone, chemische Lösungsmittel, künstliche Konservierungsmittel, Emulgatoren, Stabilisatoren, Konsistenzgeber und dergleichen mehr, die uns Kopfzerbrechen bereiten. Gleichzeitig stellen sich zwei weitere Fragen: Sind teure Kosmetika automatisch besser? Und: Ist Naturkosmetik zwangsläufig die hautfreundlichere Variante? Daran scheiden sich die Geister …

Kein Pardon

Umfragen im privaten Bereich ergaben, dass in Summe zwischen zehn und 50 Kosmetikprodukte (Zahnpasta, Duschgel, Make-up, Parfüm etc.) Verwendung finden und in die tägliche Körperpflege 30 Minuten bis zu zwei Stunden investiert werden. Bei manchen muss es schnell gehen, andere zelebrieren ihr Schönheitsritual. Auf ein gepflegtes Erscheinungsbild – bei sich selbst genauso wie bei anderen – legen alle Befragten großen Wert. Am ehesten verzeiht man „Sünden“ wie Schweißflecken samt Geruchsentwicklung nach einem wirklich heißen Tag und einen „bad hair day“. Als absolut unentschuldbar hingegen gelten Mundgeruch und ungepflegte Zähne.

„Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.“, sagte einst Winston Churchill. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Interviewbox

Reinold Geiger, geboren 1947 in Dornbirn, verheiratet, 3 Söhne, lebt in Rio de Janeiro, Paris und London, hat 1996 die französische Naturkosmetikmarke L’Occitane gekauft. Der Hauptsitz von L’Occitane liegt in der französischen Provence, in 80 Ländern werden ca. 2.000 Shops betrieben und insgesamt über 6.000 Mitarbeitern beschäftigt.

SUSANNE LOHS: Herr Geiger, übertreiben Ihrer Meinung nach die Menschen heute den Körperkult?

REINOLD GEIGER: Es ist kein Kult – mit einer guten Körperpflege fühlt sich jeder Mensch einfach viel wohler.

SUSANNE LOHS: Glauben Sie, dass verstärkt auftretende Krankheiten wie Neurodermitis, Sonnenallergie und sonstige krankhafte Hautreaktionen damit zusammenhängen, dass die Leute sich „überpflegen“ oder liegt es an Art, Menge und Qualität der Inhaltsstoffe?

REINOLD GEIGER: Nein, die Leute überpflegen sich nicht. Einerseits gibt es Personen, die Allergien haben und deshalb verschiedene Produkte nicht verwenden können. Andererseits gibt es Produkte mit chemischen Rohstoffen, die für viele Menschen nicht verträglich sind. Darum muss man Produkte verwenden, die dem eigenen Körper gut tun.

SUSANNE LOHS: Wie kann ein Konsument beurteilen, ob er sich mit dem gekauften Produkt Gutes tut oder seine Haut eher zu Reizungen und sonstigen Unmutsäußerungen anregt?

REINOLD GEIGER: Alle seriösen Kosmetikfirmen führen heute Produkte, die den meisten Personen nur gut tun. Falls jemand unter einer Allergie leidet oder besonders empfindliche Haut hat, sind Naturkosmetikprodukte zu empfehlen.

SUSANNE LOHS: Welches konkrete Versprechen liegt in dem Begriff „Naturkosmetikmarke“?

REINOLD GEIGER: Die verarbeiteten Rohstoffe sind reine Naturprodukte, also nichts Chemisches oder Künstliches.

SUSANNE LOHS: Wie kommuniziert L’Occitane dieses Versprechen an die Konsumenten?

REINOLD GEIGER: Von der Ästhetik der Produkte sollte man es sehen, bei der Anwendung sollte man es als wohltuend empfinden und auf unserer Website stellen wir sämtliche Details hinsichtlich unserer Produkte und deren Inhaltsstoffen lupenrein dar. Ein weiterer Aspekt ist der Vertriebsweg, den wir zusätzlich zu unseren eigenen Shops und dem Onlinevertrieb gewählt haben: Die Mitarbeiter in den Apotheken sind bestens geschult und können die Konsumenten bestens bezüglich unserer Produkte beraten.

SUSANNE LOHS: Welche Produkte sollten Ihrer Meinung nach in keinem Badezimmer fehlen?

REINOLD GEIGER: Von L’Occitane sollte man auf jeden Fall die Carité Handcreme haben! Es gibt aber auch noch viele andere gute Produkte von uns und von anderen Kosmetikfirmen.

Text: Susanne Lohs

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