Interview mit Dr. Nicolas Zech

Interview mit Univ. Doz. Dr. med. Nicolas Zech

Im August 2012 durfte ich Univ. Doz. Dr. med. Nicolas Zech von den IVF Zentren Prof. Zech interviewen und habe dabei interessante Einblicke in die Reproduktionsmedizin bekommen. Was mich besonders freut: Kurz nach Erscheinen meines Beitrages im WEEK (Lifestylemagazin von Russmedia) haben die IVF Zentren Prof. Zech meine Headline sogar für ihre eigene Website übernommen. 🙂

Vom Kinderwunsch zum Wunschkind

Es entspricht unserem menschlichen Selbstverständnis, uns fortpflanzen zu können. Gelingt uns das nicht, fühlen wir uns unzulänglich. Univ. Doz. Dr. med. Nicolas Zech sprach mit WEEK über Unfruchtbarkeit und Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin.

Die „IVF Zentren Prof. Zech“ wurden 1984 von Univ. Prof. Dr. med. Herbert Zech in Bregenz gegründet. Mittlerweile gibt es sechs Kliniken in fünf europäischen Ländern sowie Partnerunternehmen an fünf Standorten in Nigeria. Die Kinderwunschkliniken mit Stammsitz in Bregenz zählen damit heute zu den weltweit angesehensten Instituten der In-vitro-Fertilisierung (IVF), also der Vereinigung von Ei- und Samenzelle außerhalb des Mutterleibes, im Reagenzglas. Allein in den europäischen Zentren arbeiten mehr als 120 Mitarbeiter – und das im Schichtbetrieb an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr. Schließlich richtet sich der günstigste Zeitpunkt  (jener des Eisprungs) nicht nach klassischen Öffnungszeiten.

„Der Liebe Leben geben“ – so lautet das Motto der Zech’schen Unternehmensgruppe. Einerseits kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass eine große Portion Kommerz hinter dem komplexen Thema der künstlichen Befruchtung steht. Andererseits gelangt man rasch zur Auffassung, dass Betroffene tatsächlich weit mehr zu sein scheinen als bloß anonyme Wesen inmitten medizinischer und biologischer Zusammenhänge, Studien und Statistiken. Dann nämlich, wenn man im Zuge des Interviews am Zech-Standort im Bregenzer GWL miterlebt, wie Nicolas Zech seinen „Kunden“ begegnet: auf Augenhöhe, mit viel Einfühlungsvermögen und Verständnis sowie dem dringenden Anliegen, schnellstmöglich helfen zu können. Zech scheint den individuellen (Leidens)Weg jedes einzelnen Paares bis in Detail zu kennen.

WEEK: Wie vielen Paaren konnte in Ihren IVF-Zentren seit deren Bestehen geholfen werden, ihr Wunschkind mittels künstlicher Befruchtung auszutragen?

DR. ZECH: Es werden mittlerweile an die 30 000 sein. Eine genaue Zahl kann ich Ihnen nicht nennen, weil unser Job grundsätzlich mit dem Transfer des Embryos in die Gebärmutter der Frau beendet ist. Natürlich versuchen wir, auch darüber hinausgehend Kontakt mit den Paaren zu halten, was uns größtenteils gelingt. Viele berichten uns über den Verlauf  der Schwangerschaft, schicken Karten anlässlich der Geburt oder kommen sogar persönlich vorbei, um uns voller Stolz ihren Nachwuchs vorzustellen. Die Quote jener, die wir aufgrund eines Umzuges oder sonstiger Kriterien nicht mehr erreichen, liegt bei nur ungefähr vier Prozent. Manche kommen auch vorbei, um Ihrem Nachwuchs zu zeigen „Hier hat alles begonnen – hier bist du entstanden“.

WEEK: Üblicherweise hat Kindermachen mit Lust und Körper zu tun – das hört sich jetzt aber eher nach Kalkül an und gar nicht mehr nach dem Ergebnis zweier einander liebender Menschen …

DR. ZECH: Wenn Sie wüssten, welch langen Leidensweg viele Paare bereits hinter sich haben, wenn sie zu uns kommen, würden Sie nicht so denken.

WEEK: Können Sie das präzisieren?

DR. ZECH: Es zählt zu unserem Selbstverständnis, uns reproduzieren zu können, Kinder zeugen und gebären zu können. Welcher Mann hört schon gern, dass seine Spermien von unzureichender Qualität sind? Welche Frau will wahrhaben, dass ihre Eizellen ohne Stimulation von außen nicht in der Lage sind, ein Kind hervorzubringen? Ein Großteil der Paare, die den Weg in eines unserer Zentren finden, hat eine wahre Odyssee mit unzähligen Versuchen in mehreren Kliniken hinter sich!

WEEK: Und entscheidet sich dann anhand welcher Kriterien ausgerechnet für Ihre Kinderwunschklinik?

DR. ZECH: Größtenteils kommen die Leute aufgrund von Mundpropaganda. Bei uns geht es um menschliches Leben – da braucht es neben Erfahrung, Ausstattung, Qualitätssicherung und dem Potenzial der Mitarbeiter vor allem Einfühlungsvermögen und Engagement. Jedes Paar bringt eine persönliche Geschichte mit und muss sich bei uns wohl und bestens aufgehoben fühlen.

Zudem arbeiten wir fast nur noch mit dem Verfahren der Blastozystenauswahl – dadurch erzielen wir höhere Schwangerschaftsraten gleich im ersten Behandlungszyklus, können ungewollte Mehrlingsschwangerschaften vermeiden und die „baby take home rate“ erhöhen.

WEEK: Das klingt alles hoch komplex und medizinisch. Was verbirgt sich hinter dem Ausdruck „Blastozystenauswahl“?

DR. ZECH: Die der Frau entnommenen Eizellen werden im Reagenzglas mit den Spermien des Mannes zusammengebracht. Ob tatsächlich eine Befruchtung stattfindet, kann nicht gesteuert werden, das obliegt der Natur. Eizellen können sich bis zum dritten Tag normal entwickeln, auch wenn sie nicht befruchtet wurden. Erst ab diesem Zeitpunkt macht sich der männliche Samen im Erfolgsfall sozusagen bemerkbar und verhilft der Eizelle dazu, sich bis zum fünften Tag zur Blastozyste zu entwickeln. Mit einer Eizelle, die das Blastozystenstadium nicht erreicht, ist eine Schwangerschaft nicht möglich. Um hohe Schwangerschaftsraten möglichst im ersten Behandlungszyklus zu erzielen, ist die Auswahl der geeignetsten Blastozysten ein wesentlicher Aspekt. Man kann erkennen, welche Embryonen die höchste Potenz zeigen, sich zum Kind zu entwickeln.

WEEK: Und was versteht man unter der „baby take home rate“?

DR. ZECH: Das ist die Rate der Schwangerschaften, die auch zur Geburt eines Kindes führen. Wie bei normalen Schwangerschaften kann es auch bei jenen, die durch künstliche Befruchtung entstanden sind, zu Fehlgeburten kommen.

WEEK: Was kann man selbst dazu beitragen, um möglichst beste Voraussetzungen für eine  erfolgreiche Schwangerschaft zu schaffen?

DR. ZECH: Jede Menge – das fängt bei gesunder, ausgewogener Ernährung an. Bei einem Body-Maß-Index über 30 sinken die Chancen, schwanger zu werden, drastisch. Wenig Alkohol, kein Nikotin – Paare, bei denen auch nur ein Partner raucht, haben um 50 Prozent verminderte Chancen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft. Das belegen wissenschaftliche Untersuchungen. Umweltgifte stellen auch ein großes Risiko dar – in durch Industrie stark belasteten Gebieten ist beispielsweise die Qualität gespendeter Eizellen verheerend schlecht und damit unbrauchbar. Ein wesentlicher Faktor ist außerdem die emotionale Verfassung und Herangehensweise – die Kraft positiver Gedanken ist schier unglaublich.

WEEK: Alles gut und schön – aber auch Paare, die all das berücksichtigen, bleiben oft ungewollt kinderlos. Welche Ursachen liegen einer Unfruchtbarkeit zugrunde?

DR. ZECH: Das ausschlaggebendste Kriterium überhaupt ist das Alter der Frau. Ab 35 Jahren sinkt die Chance, schwanger zu werden, rapide ab. Diese biologische Tatsache ist den meisten gar nicht bewusst.

Grundsätzlich verteilen sich die Ursachen zu 45 Prozent auf die Frau, zu 40 Prozent auf den Mann, bei zehn Prozent sind Störfaktoren bei beiden Partnern zu finden und beim Rest sind trotz Untersuchungen keine Ursachen zu entdecken. Störungen bei der Entstehung von Ei- und Samenzellen oder bei deren Vereinigung sind mögliche Ursachen. Ein gestörtes Zusammenspiel verschiedener Drüsen, eine zu geringe Anzahl beweglicher Spermien, Beeinträchtigungen des Eileiters – all das sind Faktoren, die eine natürliche Schwangerschaft verhindern können.

WEEK: Welche Möglichkeiten gibt es, trotz Unfruchtbarkeit eines oder sogar beider Partner doch noch zu einem leiblichen Kind zu kommen?

DR. ZECH: Aus rein medizinischer Sicht gibt es vielerlei Möglichkeiten, allerdings ist die gesetzliche Lage von Land zu Land unterschiedlich. Eizell- oder Samenspende im Zusammenhang mit der IVF sind beispielsweise in Österreich nicht erlaubt – wir können diese Therapieformen aber in unserem Zentrum in Tschechien anbieten.

Die häufigste Behandlungsmethode ist die IVF, bei welcher Ei- und Samenzelle außerhalb des Mutterleibes im Reagenzglas vereinigt werden. Sofern einer der Embryonen das Blastozystenstadium erreicht, findet anschließend innerhalb von sechs Tagen der Embryo-Transfer in die Gebärmutter der Frau statt.

Ist die Spermienqualität unzureichend, wird versucht, diese mittels Nahrungsergänzungsmitteln und täglichem „Training“ (d.h. tägliche Ejakulation) zu steigern. Bei der sogenannten Insemination wird der gewonnene Samen mit Hilfe spezieller Labortechniken konzentriert und zum Zeitpunkt des Eisprunges direkt in die Gebärmutter eingebracht.

WEEK: Was hat es eigentlich mit Ihrem Engagement in Nigeria auf sich? Gemeinhin würde man meinen, in Afrika gäbe es genügend andere Probleme als zu wenige Kinder …

DR. ZECH: In unseren Breiten geht ungefähr in jeder fünften Partnerschaft der Wunsch nach einem Kind nicht von allein in Erfüllung. In Nigeria liegt diese Quote bei rund 40 Prozent. Bei uns werden Paare schon von der Außenwelt (Familie, Freunde, Kollegen) stigmatisiert und verbergen deshalb oft den wahren Grund ihrer Kinderlosigkeit hinter Aussagen wie „Jetzt noch nicht“ oder „Wir haben ja noch Zeit“. In Afrika ist die Situation aber weit prekärer – dort kommt Kinderlosigkeit einer wahren Katastrophe gleich. Deshalb versuchen wir, die Standards unserer europäischen Zentren in Nigeria zu etablieren, um auch dort die „baby take home rate“ zu erhöhen.

WEEK: Stichwort Präimplantationsdiagnostik (PID) – Fluch oder Segen der modernen Medizin?

DR. ZECH: Mit Hilfe der PID lassen sich einzelne Zellen des in-vitro gezeugten Embryos auf bestimmte genetisch bedingte Krankheiten hin untersuchen. Diese Diagnoseform innerhalb der Reproduktionsmedizin ist allerdings in Österreich nicht zulässig, in Tschechien zum Beispiel schon.

WEEK: Da stellt sich die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit – das hört sich ein wenig danach an, als ließen sich mithilfe der PID „Designer-Babys“ ohne Fehl und Tadel kreieren …

DR. ZECH: So ist es absolut nicht! Abgesehen von den gesetzlichen Regelungen der jeweiligen Länder gibt es auch den sogenannten „Code of Conduct“. In diesem sind bestimmte ethische Grundsätze und Richtlinien verankert, an die sich jeder gewissenhafte Mediziner hält.

Wenn die Liebe zu einem Kind daran scheitert, weil es braune anstatt blauer Augen hat, dann ist der Kinderwunsch ohnehin generell in Frage zu stellen. Ob ein Kind eher schüchtern oder extrovertiert ist, ordnungsliebend oder chaotisch, die Augen- und Haarfarbe der Mutter oder des Vaters hat, lässt sich nie vorhersagen. Oft sind selbst gleichgeschlechtliche Geschwister unterschiedlich wie Tag und Nacht. Die Natur schlägt ihren eigenen Weg ein und das ist gut so!

WEEK: Wo liegt Ihre persönliche Grenze? Was würden Sie niemals tun, obwohl es medizinisch machbar wäre?

DR. ZECH: Klonen. Das ist etwas, was ich nie machen würde. Oder einer Frau Ende 40 zwei Embryonen einzusetzen.

Obwohl wir heute schon so viel wissen und anwenden können, gibt es auch in der Reproduktionsmedizin keine Erfolgsgarantie. Viele individuelle unkalkulierbare Faktoren können in die Behandlung hineinwirken. Ebensowenig kann man den Vorgang der Befruchtung steuern. Trotz allen medizinischen Fortschritts ist der Lauf der Natur nicht beeinflussbar – und so bleibt trotz Reproduktionsmedizin  jedes Baby letztendlich ein Wunder des Lebens.

Text: Susanne Lohs

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