Interview mit Sabine Forstner-Lindmeier

Interview mit Sabine Forstner-Lindmeier

Kürzlich hatte ich die Optikermeisterin und Kontaktlinsenanpasserin Sabine Forstner-Lindmeier für wirtschaftszeit.at vor dem Mikro. Eine interessante, entspannte und lösungsorientierte Powerfrau, die eher per Zufall in ihre jetzige Rolle der „Spezialistin für komplizierte (Seh)Fälle“ gerutscht ist …

Sie hat definitiv den Durchblick!

Mit 16 hat Sabine Forstner-Lindmeier die Handelsakademie abgebrochen, »weil das Lernen nicht unbedingt meins war«. Heute versorgt sie in ihrer Contactlinsenlounge fehlsichtige Menschen mit Kontaktlinsen und Brillen und knackt dabei selbst die schwierigsten Fälle. Wobei dieses Für-jeden-Spezialfall-eine-passende-Lösung-Finden ursprünglich gar nicht ihr Plan war …

Wenn man mit seinen Kontaktlinsen verzweifelt und einem scheinbar keiner helfen kann, dann geht man in die »Contactlinsenlounge« zur Sabine Forstner-Lindmeier – so habe ich Sie kennengelernt … 

Das war ursprünglich nicht der Plan, da bin ich im wahrsten Sinne des Wortes reingerutscht. Vielleicht liegt’s an der Struktur – dass ich keine fixen Geschäftsöffnungszeiten habe, man deswegen einen Termin vereinbaren muss, um mit mir zusammenzukommen.

Das allein bringt einem aber noch nicht den Ruf einer Spezialistin ein … 

Stimmt. Bewusst ist mir das geworden, als mich eine schon leicht verzweifelte Mutter angerufen hat: Ihre Tochter habe so hohe Dioptrienwerte, alles sei so kompliziert und ob ich das nicht machen könne. Habe ich gemacht, das Mädchen ist jetzt total glücklich mit den Kontaktlinsen. Im Laufe der Linsenanpassung hat sich herausgestellt, dass es da noch eine jüngere Schwester gibt, die auch Linsen trägt. Daraufhin habe ich die Mutter angesprochen, ob die jüngere Tochter nicht auch mal zu mir kommen könnte zwecks Kontaktlinsen. Sie meinte: »Ach nein, das ist ja gar nicht notwendig, die hat nicht so komplizierte Augen.« Das war so ein Moment, in dem ich gedacht habe: »Was genau sagt sie mir jetzt damit? Vielleicht mag es auch ICH irgendwann mal unkompliziert und einfach haben.« Aber das ist ganz eindeutig meine Positionierung, die mir am Anfang in der Form gar nicht bewusst war und die ich jetzt einfach positiv nehme. Dann kommen halt nicht so viele »einfache« Kunden zu mir – es ist ein gutes Gefühl, als Spezialistin bekannt zu sein und Leuten, die manchmal schon richtig verzweifelt sind, helfen zu können.

Es gibt viele Leute die Scheu davor haben, sich ins Auge zu greifen. Wie gehen Sie damit um, wie nehmen Sie ihnen die Angst, wie motivieren Sie sie?

Erstens wird bei mir im Studio irrsinnig viel gelacht.

Und Lachen nimmt die Angst?

Ja, weil’s die Spannung nimmt. Ich kenne das von anderen, von Kollegen, wie ruppig und roh die mit Kunden umgehen, das würde ich selber als Kunde nicht akzeptieren, ich bin da auch sehr empfindlich. Ich brauche immer eine Vorbereitung und eine Einstimmung und mir muss auch immer jeder sagen, was jetzt getan wird, damit ich nicht herumzucke, egal, ob’s weh tut oder nicht. Das ist keine Kopfsache, sondern eine Sache des Körpers. Darum habe ich eine irrsinnige Geduld mit meinen Kunden.

Okay, und außer dem Lachen – wie gehen Sie konkret vor?

Ich habe jetzt zum Beispiel einen 10-Jährigen, der die Linsen total gerne tragen würde, weil er Fußball spielt, im Tor steht, minus zwei Dioptrien hat und eigentlich nicht wirklich gut sieht. Mama, Schwester und Papa sind Linsenträger. Die Mutter versteht überhaupt nicht, warum er da jetzt so herumtut. Ich hab zu ihr gesagt »Lass ihn einfach. Komm lieber drei Mal, fünf Mal mit ihm her, bevor er die totale Abwehr gegen Kontaktlinsen kriegt, weil du ungeduldig neben ihm stehst und sagst »Das kann ja nicht so schwer sein!«« Wir fahren also auf seinem Auge herum, wir greifen mal hin, wir tupfen mal die Linse ans Lid …

Was genau heißt »Wir fahren auf seinem Auge herum«?! 

Ich sag den Kindern – und auch den Erwachsenen – sie sollen sich die Hände waschen, sich aufs Auge greifen, dort wo’s weiß ist, am Lidrand, dort wirklich oft hingreifen, um die Sensibilität zu trainieren und ein bissl Gefühl dafür zu kriegen, wie fest kann ich draufgreifen, ohne dass es weh tut. Dann mach ich das an seinen Augen, setze ihm die Linse aber nie ein, bevor ich es ihm sage, also es gibt keine Überraschungsmomente in dem Sinne. Mit viel Geduld. Das mag jetzt vielleicht ein wenig unbelohnt sein für den Moment, weil ich die Zeit gar nicht verrechnen kann, die ich da verbringe, aber unterm Strich ist es belohnt, weil er Linsenträger wird und …

… Ihnen treu bleibt und Sie weiterempfiehlt.

Genau.

Sie sind in Ihrem jetzigen Beruf sozusagen eine »Spätberufene«, hatten davor verschiedene Bürojobs. Was hat Sie dazu bewogen, mit über 20 nochmal von vorne anzufangen, einen Lehrberuf zu ergreifen?

Es kam der Moment, in dem mir klar wurde: Es ist die Büroarbeit, die mich nicht befriedigt, ich wollte was Handwerkliches lernen und hab damals – das ist jetzt bald 30 Jahre her – zufällig einen Optiker kennengelernt, der gerade in der Gründungsphase war und jemanden gesucht hat, der keine 16 mehr ist, den er alleine im Geschäft stehen lassen kann, auch wenn derjenige fachlich noch keine Ahnung hat, aber von der Persönlichkeit her reif genug ist. Optiker ist ein super Beruf, weil er viel verbindet.

Nämlich?

Du hast Kontakt zu Kunden, du hast den wirtschaftlichen Aspekt, du verkaufst, bis aber eigentlich nicht nur Verkäufer, hast sehr viel Fachspezifisches, kannst dich in wirklich viele Thematiken total reinknien wenn du willst. Es macht einfach Spaß.

Macht es einen Unterschied, ob man als Optiker in einem »kleinen« Betrieb oder bei einem Filialisten à la Pearle oder Fielmann arbeitet?

Der Vorteil von so einem kleinen Betrieb ist: Wenn man alles macht, hat man einen ganz anderen Zugang zur Qualität der Arbeit, weil man sich ja immer mit dem Kunden auseinandersetzen muss, im Vergleich zu Ketten, wo das in Zentralwerkstätten abgehandelt wird und dort oft ungelernte Leute stehen, die gar nicht wissen, worauf kommt’s denn jetzt eigentlich wirklich an.

Seit 2010 sind Sie nun mit Ihrer »Contactlinsenlounge« selbständig. Was war Ihre bisher größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war, mich selber so weit zu entwickeln, dass ich viele Dinge nicht persönlich nehme, gerade im Wirtschaftsleben. Das war ich vorher nicht gewöhnt, im Angestelltenverhältnis war das egal, ich hab mich wirklich reinschmeißen können in meine Tätigkeit, aber der wirtschaftliche Aspekt war für mich nicht maßgeblich, ich hab am Monatsende in jedem Fall meinen Lohn erhalten. Das hat mich nicht minder arbeiten lassen, aber diese Überlegung, wie viel bringt’s, was muss ich investieren und so weiter – also ich war persönlich nicht so involviert. Das hat sich mit der Selbständigkeit auf jeden Fall geändert. Jedes Mal, wenn mir ein Kunde wegbricht aus irgendeinem Grund – und das passiert –, war’s am Anfang wie eine persönliche Niederlage, die es aber nicht ist. Das musste ich hart lernen.

So geht’s wahrscheinlich jedem Selbständigen. Andererseits haben Sie bestimmt auch viele schöne Erlebnisse, zufriedene Kunden … 

Meine schönsten Erlebnisse sind immer, wenn ich das Feedback meiner Kunden krieg, die immer erstaunt darüber sind, wie viele von den Dingen, die sie mir erzählen, in meinem Gedächtnis hängen bleiben. Wenn ich nach einem Jahr noch weiß, dass da die Frau, die Oma, der Hund gestorben ist, egal was, und daran teilhabe. Im vollen Bewusstsein dessen, dass sie bei mir mehr zahlen, als würden sie online kaufen – unabhängig davon, ob sie online das kriegen was sie bei mir kriegen, das ist manchmal nicht der Fall. Viele brauchen Dinge, die könnten sie online durchaus billiger kaufen. Das tun sie aber nicht, weil sie diesen Kontakt zu mir brauchen. Das macht mir irrsinnig Spaß. Und diese freie Entscheidung, die manchmal auch eine Last ist. Ich muss mit den Entscheidungen, die ich treffe, auch ganz alleine kämpfen, auch wenn sie nicht so glücklich waren. Aber trotzdem ist das genau das, was ich an der Selbständigkeit schätze und nicht mehr aufgeben will.

Kommen wir zum Fachlichen: Können Sie beobachten, dass sich die Arten der Fehlsichtigkeiten in den letzten Jahren verändert haben?

Ja. Ganz deutlich. International gibt es dazu viele Studien. Die stark zunehmende Kurzsichtigkeit ist ein ganz großes Thema. Aufgrund der veränderten visuellen Anforderungen nimmt diese Art der Kurzsichtigkeit extrem zu. Bei Kindern von fehlsichtigen Eltern sowieso, da hat man schon eine gewisse Vorbelastung. Aber auch bei Kindern, deren Eltern keine hohe Fehlsichtigkeit haben, ist häufig zu beobachten, dass sie innerhalb eines kurzen Zeitrahmens massiv an Dioptrien zulegen.

Was kann man dagegen tun?

Eine Möglichkeit sind verschiedene Arten von Kontaktlinsen. Niemals Unterkorrektion – das ist etwas, was immer noch sehr verbreitet ist, leider. Der vorher erwähnte 10-Jährige beispielsweise hat im November eine Brille mit -0,75 Dioptrien bekommen und der Arzt hat zu ihm gesagt, er braucht die Brille nur dann aufsetzen, wenn er sie braucht. Er hat sie also vormittags in der Schule aufgesetzt und danach sofort weggelegt. Kürzlich kam die Mama zu mir, weil er schon wieder so viele Fehler beim Abschreiben gemacht hat, er sitzt in der letzten Reihe, sie glaubt, da stimmt irgendwas nicht. Und jetzt hat er -2 Dioptrien. Seine Dioptrienanzahl hat sich innerhalb eines halben Jahres mehr als verdoppelt, das ist ein Wahnsinn, da muss man einfach was tun. Deshalb liegt es mir speziell bei dem Buben extrem am Herzen, dass das Linsentragen klappt, weil nicht nur die Vollkorrektion der Brille wichtig ist, sondern man versucht mit speziellen Kontaktlinsen diesen Status Quo zu erhalten, so dass sich nicht mehr oder weniger in einem halben Jahr über eine Dioptrie dazulegt.

Kann man außerdem selbst etwas dazu beitragen?

Es ist wesentlich, sich pro Tag mindestens zwei Stunden im Freien aufzuhalten, weg von jedem Bildschirm – das gilt auch für Mobiltelefone und Tablets –, weil es einfach wichtig ist, den Fokus zu ändern, also die Nah-Fern-Abwechslung, anstatt permanent auf den Bildschirm zu schauen.

Gibt es Möglichkeiten, die Augen zu trainieren, um das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit im Zaum zu halten, oder ist das alles Humbug?

Ja, gibt es. Es ist definitiv so, dass bei denen, die oft draußen sind, viel Ausgleich zu den täglich geforderten »Bildschirm«-Augen haben, die Kurzsichtigkeit wesentlich weniger fortschreitet. Aber es gibt grundsätzlich keine Gymnastik, um das Fortschreiten zu verhindern. Wesentlich ist jedoch die Ernährung, das Freizeit- und Leseverhalten und auch das Naharbeitsverhalten à la Bildschirm hat einen Einfluss. Und es gibt so Dinge wie kinesiologisches Augentraining, von denen halte ich wirklich viel, weil das alles Richtung Entspannung geht. Man weiß vom Körper – auch aus anderen Bereichen –, dass alles ineinander greift. Bei diesen kinesiologischen Übungen geht es auch um viel Wassertrinken, um viel Entspannung und um viel Fokus ändern. Und das hilft in jedem Fall.

Kann man zusätzlich mittels »spezieller« Kontaktlinsen vorbeugen bzw. entgegenwirken?

Ja, Orthokeratologie ist ein Thema. Dabei handelt es sich um sogenannte »Nachtlinsen« – über Nacht werden harte Kontaktlinsen auf die Augen gesetzt, die die Hornhaut so verändern, dass, wenn man morgens aufwacht, null Dioptrien hat, annähernd, und die auch tagsüber behält. Das heißt man braucht tagsüber keine Korrektur, keine Linsen, keine Brille. Am Abend setzt man die Linsen wieder ein. Es hat sich gezeigt, dass bei einem überwiegenden Teil der Träger der Wert der Kurzsichtigkeit während der Dauer der Anwendung nicht steigt. Und auch danach nicht.

Sie haben vorhin das Thema Ernährung angesprochen. Gibt es bestimmte Lebensmittel, die der Sehkraft gut tun – à la Karotten?

Ja, Vitamin A auf jeden Fall, das ist sicher ein Thema. Omega 3 und 6 Fettsäuren in der richtigen Kombination – Leinöl zum Beispiel. Nicht nur für das Sehen an sich, sondern auch für die Entwicklung der Gewebestrukturen im Laufe der Jahre. Wir werden immer älter und ein ganz wesentlicher Punkt ist die Makuladegeneration. Das bedeutet, dass sich im Zentrum der Netzhaut, dort, wo das schärfste Sehen ist, die Zellen – sehr vereinfacht gesagt – absterben. Man weiß: Das hat mit Ernährung und auch mit UV-Licht zu tun. Wir haben während unseres ganzen Lebens einen hohen UV-Konsum, das hat Einfluss. Im Zuge dessen sollte man schauen – abgesehen von Sonnenschutz –, dass man ernährungstechnisch etwas für die Zellregeneration tut. Die Konsequenzen von UV-Licht und Ernährung merkt man ja erst viel viel später. Irgendwann kommt’s zu so einer massiven Beeinträchtigung, dass es für einen persönlich auffällig wird. Dann ist es im Normalfall allerdings zu spät, um es rückgängig zu machen.

Stimmt es, dass mit 18 Jahren die Augen quasi »fertig«, also ausgewachsen sind?

Das ist ein Irrglaube, es stimmt leider nicht, dass mit 18 Jahren die Augen ausgewachsen sind und dann keine Dioptrie mehr zulegen können. Ich bin jetzt knapp 30 Jahre Optikerin und habe erst ganz wenige Kunden gehabt, bei denen mit 18 Jahren die Entwicklung der Fehlsichtigkeit zu Ende war. Ganz wenige. Aber das waren die, die mit 13 eine halbe Dioptrie kurzsichtig waren und dann hat sich vielleicht noch ein bissl was getan. Aber bei denjenigen, bei denen die Kurzsichtigkeit rasant zunimmt ist das definitiv nicht so.

Wie stehen Sie dem Thema Augenoperationen gegenüber? Sich die Augen lasern zu lassen, scheint momentan voll im Trend zu sein …

Lasern ist im Moment der Hype schlechthin. Wenn man sich mit Leuten unterhält, die die Absicht haben, sich lasern zu lassen oder die jetzt gerade gelasert worden sind, denkt man sich, es gibt eigentlich nichts Cooleres, als sich in seinen Augen herumdampfen – weil es ist ja kein Schneiden – zu lassen.

Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Es ist vielen ein Bedürfnis, morgens aufzuwachen, die Augen aufzumachen und ohne Korrektur etwas sehen zu können. Das kann ich auch nachvollziehen. Was ich allerdings bedenklich finde, ist die Art der Werbung die dafür gemacht wird. Wenn ich mit Kunden rede, sagt mir schon der eine oder andere, dass er über mögliche Risiken aufgeklärt worden ist. Aber es gibt viele Dinge, die beim Lasern nicht ganz so optimal laufen können wie beispielsweise das trockene Auge als Ergebnis – das wird in der Aufklärung erwähnt, aber nicht länger besprochen. Weil man will ja die Leute, wenn die physiologischen Voraussetzungen passen, nicht davon abbringen, sich lasern zu lassen.

Das klingt jetzt so, als hätten Sie auch Kunden, die bereits gelasert sind – und die benötigen jetzt wieder eine Sehhilfe?

Über 60 Prozent der Gelaserten brauchen wieder eine Korrektion. Also wirklich so, dass man nicht sagen kann, das ist ein bisserl schlechter, sondern die brauchen definitiv wieder Brille oder Kontaktlinsen. Insofern bleiben sie dem optischen Markt und der Wirtschaft erhalten, mit Unterbrechung von ein paar Jahren. Und wenn sie dann wieder Kontaktlinsen tragen wollen sind wir auf jeden Fall weit weg vom Billiganbieter, egal ob der jetzt aus einer Kette oder dem Onlinebereich kommt, weil dann nur mehr Speziallinsen angefertigt werden können. Und das ist dann ja genau mein Fachgebiet.

Zur Person:

Sabine Forstner-Lindmeier, geboren am 21.1.1966 in Wien, ist seit 30 Jahren Optikermeisterin und Kontaktlinsenanpasserin. Im April 2010 hat sie sich mit ihrer Contactlinsenlounge im 22. Bezirk selbständig gemacht. 2015 wurde sie beim Wiener Bezirksblatt für den 22. Bezirk mit dem 1. Preis beim Wettbewerb »Unternehmerin des Jahres« ausgezeichnet. Mag alles Handwerkliche, restauriert gerne Möbel, ist leidenschaftliche Sammlerin, liebt die Natur und Bewegung. Forstner-Lindmeier ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

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