Interview mit Michaela Kirchgasser

Interview mit Michaela Kirchgasser

Über die Zusammenarbeit einer Hochleistungssportlerin mit ihrem Mentalcoach: Im Mai 2012 traf ich Skirennläuferin Michaela Kirchgasser und ihren Mentalcoach Günter Spiesberger im Vorarlberger Brandnertal zum Doppelinterview – dabei gab es ein paar Aha-Momente für mich, denn mentale Arbeit kann jedem von uns helfen, den Alltag zu meistern und mit bestimmten Situationen besser umzugehen.

 

Positive Ereignisse als Kraftquelle

Skirennläuferin Michaela Kirchgasser und Mentalcoach Günter Spiesberger sprechen mit WEEK im Doppelinterview über Wahrnehmung, Bewusstsein und mentale Fitness.

Zweifel erkennen und ersetzen, blockierte Energien durch neue Automatismen freisetzen, die Fähigkeit der visuellen Wahrnehmung trainieren, Kraft aus positiven Ereignissen schöpfen und damit einen optimalen mentalen Zustand im Jetzt herbeiführen – das sind wesentliche Faktoren auf dem Weg zu einem ausgeglichenen und selbstbestimmten Leben.

WEEK: Was war der Auslöser für Ihre Entscheidung, mit einem Mentalcoach zu arbeiten?

MICHAELA KIRCHGASSER: Bei Kraft, Ausdauer und Koordination überlässt man nichts dem Zufall, alles wird trainiert. Man weiß, dass der Kopf eine wichtige Rolle spielt, trainiert ihn aber nicht. Ich hab viel probiert mit Mentaltrainern, aber der Erfolg hat sich nicht eingestellt. Dann hab ich gesagt, ich brauch keinen, ich weiß selber, wie’s läuft. Irgendwann kam es zum Tiefpunkt – im Training hat’s funktioniert und unter Druck im Rennen hatte ich überhaupt keine Chance, das umzusetzen. Das war der Auslöser, ich hab beschlossen, mir das mal anzuhören.

WEEK: Und wie sind Sie auf Günter Spiesberger gekommen?

MICHAELA KIRCHGASSER: Unser Cheftrainer, der Herbert Mandl, hat mir seine Telefonnummer gegeben und gemeint, der hat recht gute Referenzen. Schon beim ersten Treffen war von meiner Seite das Okay da, mit ihm zu arbeiten, weil seine Ausstrahlung und wie er redet und erklärt mir gleich super gepasst hat.

GÜNTER SPIESBERGER: Dieses Vorgespräch mit der Michi war sehr interessant. Ich hab bei ihr unheimlich viel Offenheit gespürt und gemerkt, sie will wirklich was verändern. Sie hat erzählt, wie es ihr bei den Rennen ging, was sie vorhat und so weiter. Dafür ist ein gewisser Vertrauensvorschuss notwendig und der war bei ihr stark spürbar. Darauf kann man in der weiteren Zusammenarbeit sehr gut aufbauen.

WEEK: Worauf kommt es bei der Erstellung eines individuellen Trainingsprogrammes an?

GÜNTER SPIESBERGER: Die Analyse ist ein wesentlicher Grundpfeiler und natürlich die Offenheit des Gegenübers. Aus Michi’s Erzählungen wusste ich, dass es bei ihr sehr viel mit Zweifel und Unsicherheiten zu tun hat

MICHAELA KIRCHGASSER: Wir haben jetzt kein klassisches Rennprogramm erarbeitet, sondern hauptsächlich, wie man Stress abbaut, gewisse Automatismen erneuern kann, neue Möglichkeiten setzen kann. Dadurch bist du in der Lage, das Ganze rationaler und bewusster zu sehen und viel konzentrierter anzugehen. Nach dem zweiten intensiven Trainingstag mit Günter hab ich für mich selber schon Unterschiede bemerkt, Fortschritte gemacht, hab das Erarbeitete anwenden können.

WEEK: Wie gestaltet sich Ihre Zusammenarbeit in der Realität?

GÜNTER SPIESBERGER: Zuerst geht man einmal alle Themen in der Theorie durch – Zweifel, Automatismen, innere und äußere Reize etc. Man bespricht positive Ereignisse aus der Vergangenheit, welche Emotionen und Gefühle damit verbunden sind und wie man diese Energie für das Hier und Jetzt nutzen kann. Ansonsten telefoniert man immer wieder mal, fragt wie’s geht, wie die Umsetzung läuft, was noch nicht so gut funktioniert und welche Übungen man hierfür jetzt einbauen kann. Grundsätzlich sucht immer der Athlet das Gespräch, ich stelle dann Fragen und gebe Tipps. Das Ziel ist, dass der Athlet sich immer besser selbst analysieren kann und keinesfalls abhängig von einem Mentalcoach wird.

MICHAELA KIRCHGASSER: Das eigentlich Schöne ist, dass die Arbeit darin besteht, sich selbst zu analysieren, Automatismen und alte Muster zu erkennen und diese dann durch neue Muster ersetzt, mit Bildern, Emotionen und Gefühlen, so dass man neue Lösungen hinkriegt. Ich erzähl dem Günter dann, wie’s mir geht und was ich denke und er sagt mir daraufhin, probier’s mal so oder schau dir diese oder jene Übung nochmal an.

WEEK: Welche Übungen sind das zum Beispiel?

GÜNTER SPIESBERGER: Atem- und Meditationsübungen, Übungen, bei denen wir schöne Erinnerungen durchspielen und visualisieren. Wir machen die komplette mentale Arbeit – von der Anreise, vom Vorabend bis hin zum Rennen. Und nicht, wie viele glauben, am Start drückt man dann einen Schalter im Kopf.

MICHAELA KIRCHGASSER: Genau das ist der Punkt, bei dem ich auch immer falsch gedacht hab. Es geht nämlich nicht erst im Starthaus los, sondern schon viel früher. Man muss auch am Vortag schon intensiv planen, sonst kommt du wieder in so einen Stress, so eine Nervosität, dass du das Ganze gar nicht mehr abrufen kannst.

WEEK: Warum ist Visualität – also Bilder im Kopf zu haben und abrufen zu können – für mentale Fitness so wichtig?

GÜNTER SPIESBERGER: Weil sich durch diese Fähigkeit über kurz oder lang Erfolg einstellt. Das in der Vergangenheit Erlebte spielt in die Zukunft. Jedes Ereignis ist mit einem Gefühl verbunden und als Film im Kopf gespeichert. Gelingt es mir in einer Stresssituation, ein positives Erlebnis in meinem Kopfkino abzuspulen, werde ich ergebnisorientierter und erfolgreicher sein. Das muss man trainieren. Bei Kindern funktioniert das sehr gut, bei ihnen ist die Visualität noch ganz stark ausgeprägt.

WEEK: Wie wirkt sich das aus?

GÜNTER SPIESBERGER: Ein Beispiel aus meiner Zeit als Tennistrainer: Meine Schützlinge waren talentiert, konnten dieses Talent aber nicht in gute Ergebnisse umwandeln. Dann habe ich einen Versuch gestartet: Ich bat die Spieler, die Augen zu schließen und sich ein Tennismatch vorzustellen, mit allem Drum und Dran. Der erste Befragte bei den ganz jungen Spielern beschrieb sein Match in allen Einzelheiten, wie voll die Tribünen waren, wie die Zuschauer jubelten, wie der Schiedsrichter aussah, sogar die Werbung an den Banden beschrieb er. Auf meine Frage, wie das Match ausgegangen sei, antwortete er wie aus der Pistole geschossen: „Ich hab gewonnen!“

WEEK: Und Erwachsene können ihr Kopfkino nicht in der Form anwerfen?

GÜNTER SPIESBERGER: Ich habe das selbe Experiment mit einer Gruppe 30 bis 50-Jähriger durchgeführt. Das Ergebnis war, dass der erste Befragte gar nichts beschreiben konnte – er hat weder die Tribüne, noch die Zuschauer oder den Schiedsrichter sehen können. Seine Antwort, wie das Match ausgegangen sei, war natürlich dementsprechend: „Ich hab verloren.“ Darum ist es so wichtig, bewusste Wahrnehmung zu trainieren.

WEEK: Wie schaut dieses Visualisieren und das vorher angesprochene Planen vor einem Rennen bei Ihnen aus?

MICHAELA KIRCHGASSER: Ich nehm als Beispiel das Rennen heuer in Kranjska Gora – da haben wir die Übung gemacht, alle Möglichkeiten durchzuspielen: Es kann gut gehen. Es kann im ersten Durchgang gut gehen, im zweiten kann ich ausfallen. Ich kann beim ersten Tor einfädeln. Ich kann führen, runterfahren, es läuft super und beim letzten Tor fädle ich ein. Ich kann stürzen, so dass ich operiert werden muss. Ich kann mich im Training so verletzen, dass ich gar kein Rennen fahren kann. Durch das Thematisieren aller möglichen Lösungen war ich einfach gefasst. Ich wusste, es kann alles passieren. Du bist dir der negativen Möglichkeiten ebenso bewusst wie der positiven. Dadurch bist du auf einer anderen Basis und fällst im negativen Fall nicht in ein tiefes Loch.

GÜNTER SPIESBERGER: Man spielt alle möglichen Szenen durch, wirft einen neutralen Blick darauf und nimmt dadurch sehr viel negative Energie und Spannung raus.

MICHAELA KIRCHGASSER: Das Wichtigste ist glaub ich die richtige Akzeptanz. Man arbeitet total viel auf der Verstandesebene. Irgendwann kommt der Punkt, wo du’s begreifst, wo du’s nicht einfach nur mehr mit dem Verstand machst, sondern der neue Automatismus da ist. Du merkst nicht, ab wann du das machst. Aber auf einmal kommt es dir vor, jetzt wird’s einfacher. Am Anfang bist du mit viel Druck und Zwang dabei, die alten Bilder durch neue zu ersetzen. Irgendwann fängt’s an, leicht zu laufen – wie bei einem Rad: wenn sich das in Bewegung setzt, geht’s zuerst langsam und dann wird’s immer schneller.

GÜNTER SPIESBERGER: Wie die Michi sagt: Verstehen tut man schnell – über den Verstand. Dazwischen liegt dann noch das Begreifen, dann das Umsetzen.

WEEK: Hat das Mentaltraining in Ihrem Leben genauso einen fixen Platz wie das Ski- und das Krafttraining?

MICHAELA KIRCHGASSER: Früher war’s von der Aufteilung her so, dass das Kraft- und Skitraining die Hälfte, Konditionstraining ein Drittel und Mentales rund zehn Prozent ausgemacht haben. Das hat sich dahingehend geändert, dass jetzt auf jeden Bereich rund ein Viertel der Trainingszeit kommt. Wobei das Mentale sicher das Wichtigste ist, weil dir die ganze Kraft und Kondition nichts nützen, wenn du’s nicht auf die Piste bringst. Dann kannst du es einfach nicht umsetzen. Anfangs hab ich mich am Abend eine Viertelstunde hingesetzt und den Tag analysiert – was war gut, wo hab ich mich aufgeregt, wo hab ich zu diskutieren oder streiten begonnen, wo war ich gestresst, wo genervt. Durch das Überlegen, wie ich es anders hätte machen können, hole ich mir zumindest im Nachhinein die Lösung und weiß, wenn mir das das nächste Mal passiert, schau ich, dass ich es merke und den alten Automatismus durchbreche. Beim nächsten Mal schaffst du’s ein Stückerl und hast einen kleinen Erfolg. So geht’s Stück für Stück weiter. Damit konnte ich mein Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl steigern und krieg viel weniger Stress. Weil ich jetzt sag: Ich kann das. Und nicht: Ich könnte.

GÜNTER SPIESBERGER: Viele glauben, man müsse für Mentaltraining extra Zeit aufwenden, was aber nicht stimmt, weil man ohnehin die ganze Zeit denkt. Das Ziel ist, mehr Bewusstheit über sich selbst zu bekommen und dadurch neue Gedanken, neue Automatismen einzuschleifen. Klar hat jeder vor dem Rennen gewisse Rituale oder Übungen. Aber man braucht nicht zusätzlich mehr Zeit.

WEEK: Lassen sich die Erkenntnisse aus dem Mentaltraining auch im Privatleben anwenden?

MICHAELA KIRCHGASSER: Absolut, das greift dann auf alle Bereiche über, weil du ja deine komplette Sichtweise änderst. Wenn heute irgendwo in der Familie diskutiert wird, kann ich die Sache rational und viel bewusster sehen und sagen, okay, jetzt schaun wir mal, was wir machen können. Dadurch machst du dir selber weniger Stress und das ist ein sehr schönes Gefühl.

GÜNTER SPIESBERGER: Das Mentaltraining hängt stark mit Kommunikation zusammen, die als Folge im gesamten Umfeld besser wird – ob es mit Trainern ist, in der Beziehung oder Familie. Es geht einem besser, man ist weniger angespannt, kommt schneller zu Entscheidungen und neuen Lösungen.

Text + Interview: Susanne Lohs

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