Interview mit Henning Reichel

Interview mit Henning Reichel

Was sein Job mit der Leichtigkeit des Seins zu tun hat und warum Gäste früher schon mal zusammengezuckt sind, wenn er sie angesprochen hat, erzählt mir Henning Reichel, General Manager des Kempinski Hotel Das Tirol in Jochberg (Tirol/Österreich) während unseres Gesprächs. Ein „Menschen-Mensch“ – so würde ich den leidenschaftlichen Familienvater kurz und bündig beschreiben. Warum? Weil er mir so einleuchtend erklären kann, weshalb Spaß ein elementarer Bestandteil von Erfolg ist. Und den hat er definitiv mit seinem Team im Kempinski Hotel Das Tirol – also den Erfolg. Und Spaß natürlich. Auch mit seinen Gästen. Oder andersrum: Seine Gäste mit ihm. Das hat vor allem mit Silvester zu tun. Warum der am 19. April 1972 in Braunschweig Geborene Silvester trotz allem (oder gerade deswegen?) immer noch grandios findet, ist eventuell ein bisschen verwunderlich, macht ihn aber umso sympathischer – aber das lesen Sie am besten selbst im nachfolgenden Interview.

Bevor wir allerdings mit dem eigentlichen Interview starten, philosophieren wir noch ein wenig über die Region Kitzbühel. Wir fragen uns, weshalb Kitzbühel vornehmlich als Winterdestination bekannt und berühmt ist, wo die Region doch eigentlich im Sommer viel schöner ist (meint der Norddeutsche). Kitzbühel und Umgebung bieten eine unglaubliche Vielfalt an Freizeitaktivitäten und organisiertem Programm – Wandern, Fahrradfahren, Oldtimer Veranstaltungen, Events für Familien, Motorradfahren (mit der Großglockner Hochalpenstraße ein Highlight für Biker!) und nicht zu vergessen: Die Region Kitzbühel ist ein Eldorado für Golfer (vier Golfplätze in Kitzbühel, 30 Golfplätze im Umkreis von nur einer Stunde Fahrzeit)! Sie merken schon: Ich komme genauso ins Schwärmen wie Henning Reichel – drum starten wir jetzt besser mal mit dem Interview …

Haben Sie selber Familie?

Na klar! Ich bin ganz stolzer Familienvater, habe drei Kinder und bin glücklich verheiratet. Nils ist jetzt fünf Jahre und dann haben wir noch eineiige Zwillingsmädchen – Helen und Nina –, die sind jetzt dreieinhalb.

Sie haben berufsbedingt ja schon viele Stationen durchlaufen. Zieht Ihre Familie immer mit Ihnen mit?

So lange ist die Familie ja noch nicht mit Kindern am Reisen. Den Nils haben wir noch im Bauch aus Velden mitgebracht nach Frankfurt, nach Königstein am Taunus, wo ich dann auch zu Kempinski gewechselt bin. Und dann sind wir jetzt einmal mit Nils und seinen Schwestern von FrankfurtKönigstein, hierher nach JochbergKitzbühel, gezogen.

Das geht noch, solange die Kinder nicht schulpflichtig sind. Ende nächsten Sommers kommt Nils in die Schule, dann wird’s schwieriger. Oder zumindest das spontane Umziehen. Bis jetzt war das ja kein Problem. Wir sind den dritten Sommer hier und fühlen uns hier sehr wohl. Mit den Kindern ist es traumhaft in dieser Region. Es ist so ein bisschen die Glocke der Friedseligkeit hier über dem Tal. Für Kinder ist es unglaublich toll, so aufwachsen zu können und die Kuh auch noch live zu sehen und nicht nur aus dem Fernsehen in lila.

Wo haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Meine Frau ist eigentlich auch aus der Hotellerie. Wir haben uns damals im Brenners Park-Hotel kennengelernt – eine klassische Hotelehe sozusagen. Meine Frau kümmert sich jetzt dankenswerterweise sehr passioniert um die Kinder und hat sich beruflich zurückgenommen.

Gab’s für Sie einen entscheidenden Punkt in Ihrem Leben an dem Sie gesagt haben: Ich will in die Hotellerie, ich will Hoteldirektor werden?

Ja, natürlich gab’s den. Allerdings spät. Ich gehöre sicher zu denen, die lange nicht wussten, wo’s langgeht. Ich hab‘ erstmal Abitur gemacht. Dann wusste ich nicht so recht, wohin, und dachte, die Zeit der Bundeswehr wird mir helfen, dann hab ich noch ein Jahr Zeit, mir klar zu werden. Danach war ich allerdings genauso schlau wie vorher.

Wie kamen Sie dann schlussendlich „auf Schiene“?

Ein Freund meiner Eltern – für mich ein langer Karrierewegbegleiter und großer Mentor – hat mich dann auf diese Schiene gesetzt und gesagt: „Mach doch mal eine Lehre in der Hotellerie!“

Sein Name ist Horst Brühl, er war selber ein sehr erfolgreicher Hotelier in Celle, wo ich aufgewachsen bin, und hat dort 30 Jahre das Hotel Fürstenhof geleitet und war Präsident von Relais & Chateaux in Deutschland. Er kannte mich schon recht lange über die familiären Verbindungen und von Festivitäten, die meine Eltern ausgerichtet haben. Da hat er bei mir immer schon ein Talent gesehen für Gastgebertum, seiner Aussage nach hatte ich mich in dem Bereich immer schon sehr stark engagiert.

Betrachten Sie Horst Brühl nach wie vor als Ihren Mentor?

Mittlerweile ist Horst pensioniert und nun kann ich ihm Insights geben. Natürlich hat er einen unglaublichen Erfahrungsschatz und ist mir nach wie vor ein sehr wichtiger Gesprächspartner.

Das ist glaube ich für jede Karriere wichtig, dass man einen Vertrauten hat, einen Berater, einen Menschen, der’s gut mit einem meint und einem mit Rat und Tat zur Seite steht. Ich bin damit immer gut gefahren, meine Karriereentscheidungen einerseits vorher gut zu durchdenken und andererseits nochmal zu überprüfen mit einem Branchenkenner, ihn zu fragen: Was hältst du davon? Macht das Sinn? Macht das keinen Sinn?

Ihre ersten Schritte in der Hotellerie haben Sie im Brenners Park-Hotel gemacht, eines der renommiertesten Häuser in Deutschland …

Absolut, ja!

Welche Werte haben Sie für Ihre späteren Stationen vom Brenners mitgenommen?

Sicher ein ganz klares Qualitätsdenken, einen sicheren Umgang in der Luxuswelt und natürlich auch ein Kennenlernen und einen Umgang mit sehr bemerkenswerten Persönlichkeiten, die halt als Gäste vor Ort sind.
Teamgeist hatte ich sicher schon vorher, einfach durch Fußball, Tennis, etc.

Ich glaube, eine Wertekultur als Ganzes zu haben und zu pflegen, zeichnet das Brenners Park-Hotel sehr stark aus. Es war tatsächlich so, dass wir uns im ersten, zweiten, dritten Lehrjahr als Auszubildende untereinander gesiezt haben. Das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Es war ein sehr konservativ geprägtes Haus, eine konservative Unternehmerfamilie, die Oetker Familie ist ja Eigentümer.

Zusammenfassend kann man sagen: 100 Prozent Konzentration auf Qualität und Leistung, Fleiß, hartes Arbeiten und Umgang mit Persönlichkeiten – womit man im normalen Leben ja jetzt auch nicht so konfrontiert ist –, diese Werte bekommt man im Brenners Park-Hotel mit auf den Weg.

Was macht Ihnen nach so vielen Jahren in der Branche nach wie vor am meisten Spaß? Was ist Ihre Antriebsfeder?

Die Menschen. Ich hab‘ gerne Kontakt zu vielen Menschen. Es gibt Menschen, die müssen auch mal Zeit für sich haben, die brauchen Ruhemomente – die brauch‘ ich gar nicht. Ich ziehe meine Energie aus Gesprächen, aus Interaktion, aus Austausch, aus Betreuen anderer.

Das heißt, Sie sind selbst auch sehr viel „am Gast“ und „an den Mitarbeitern“ und selten im Büro zu finden?

So gut wie nie. Klar, es gibt leidige Themen, die man im Büro machen muss. Das hängt auch immer mit der Struktur eines Unternehmens zusammen. Wir sind hier ein Ferienresort, das hat noch mal ganz andere Ansprüche.

In einem Stadthotel braucht keiner den Direktor, den will keiner sehen – ich übertreibe jetzt ein bisschen … Aber wenn ich beispielsweise im Kempinski in Frankfurt einen Geschäftsreisenden bei seiner Ankunft begrüßt habe, ist der zusammengezuckt und hat gesagt: „Um Gottes Willen, was hab‘ ich falsch gemacht?“ Ich sage: „Gar nichts, ich bin ein netter Kerl und will nur Hallo sagen, wollte Sie willkommen heißen.“ Dort war kein Bedarf, sich als Direktor derart stark zu zeigen.

Und in einem Ferienhotel ist das anders?

Ja, komplett anders. Unsere Gäste hier sind entspannter, stecken nicht so in Zeitplänen, wie das Geschäftsreisende tun, suchen auch gerne mal das Gespräch und wollen den Austausch – auch von sich aus. Das macht mir viel Spaß.

Es gibt doch nicht Schöneres, als einen guten Tipp geben zu können – sei es ein Restaurant, sei es eine Wanderung auf den Berg, sei es eine Skipiste im Winter, die man unbedingt mal gefahren sein muss. Und mit drei eigenen Kindern weiß ich natürlich auch ganz gut, was Eltern wollen und was Kinder wollen und was man hier in der Region machen kann. Es ist eine sehr kinderfreundliche Region hier – auch wenn sich Kitzbühel in keinster Weise so vermarktet, erschreckenderweise. Es gibt eine große Latte an Attraktivitäten.

Unser Concierge macht da immer selber eine Broschüre mit Sommer- und mit Winteraktivitäten, sucht verschiedene Dinge zusammen. Das ist natürlich für jeden Gast schön, wenn man sagen kann: Da war ich schon, meine Kinder haben das genossen. Das ist dann sowas wie eine Qualitätsgarantie für jeden Gast.

Wenn wir schon beim Thema Freizeitaktivitäten sind: Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Auf jeden Fall nicht in Hotels (lacht) …

Auch im Urlaub nicht?

Seltenst. Natürlich mag ich schöne Hotels, genieße auch den tollen Service, lasse mich gern verwöhnen. Vor allem für meine Frau ist das natürlich auch toll. Aber da brauche ich dann halt den Abstand, aus dieser Hotelwelt mal wieder rauszukommen.

Wir leben hier vor Ort ja auch im Hotel, das heißt wir sind 24 Stunden hier, das ist dann Dauerhotel. Da möchte ich einfach im Urlaub und in meiner Freizeit „geerdet“ ganz normale Dinge machen – im Supermarkt mal einkaufen gehen, selber Nudeln kaufen und solche Dinge. Oder den Grill anwerfen oder Frühstück mit meinen Kindern machen.

Das heißt, Ihren Urlaub verbringen Sie eher in Ferienwohnungen und dergleichen?

Ganz genau. In Anlagen, wo’s halt Ferienwohnungen gibt. Eher auf der do-it-yourself Seite. Oder wir mieten ein Haus an oder eine Wohnung.

Welche Destinationen bevorzugen Sie da?

Das ist ganz unterschiedlich. Ich würd für jeden guten Skiurlaub einen Sommerurlaub auslassen …

Da sind Sie jetzt hier eh an der richtigen Destination …

Genau (lacht) – da wir das hier jetzt sozusagen vor der Haustür haben, ist Skiurlaub auch nicht mehr unser Thema. So versuchen wir im Moment, wenn die Wintersaison hier vorbei ist und bevor der Sommer losgeht, schon irgendwo ein bisschen Sonne zu tanken – auf den Kanarischen Inseln zum Beispiel, wo’s auch im April schon warm und nett ist. Solange die Kinder noch nicht in der Schule sind, können wir uns ja noch völlig frei bewegen. Im November geht’s dann nochmal Richtung Florida, mit drei Kindern übern großen Teich, mal schaun, wie das so funktioniert.

Abgesehen vom Urlaub – wie verbringen Sie Ihre „normale“ Freizeit?

Ich hab früher viel Tennis gespielt. Mein Sohn hat jetzt mit Tennistraining angefangen, also das kommt jetzt wieder. Ich bin begeisterter Harley Fahrer, das ist so mein Abschalten.

Fährt Ihre Frau da mit?

Sie fährt gerne mit. Aber jetzt mit drei Kindern machen wir das nicht mehr jeden Tag, sondern ausgewählt und dosiert. Aber ich kann sehr gut abschalten auf dem Motorrad, weil man sich auf’s Fahren konzentrieren muss. Dann ist kein Platz für andere Gedanken und das tut mir gut. Im Winter skifahren, klar. Im Sommer bin ich auch gerne auf einem Boot am See, wir waren jetzt grad ein paar Tage am Wörthersee, unsere alte Heimat besuchen.

Zeit mit der Familie ist für mich wichtig in meiner Freizeit. Der zeitliche Aufwand und die Bedürfnisse eines Hotels sind sehr sehr groß und die Familie steht da dann doch immer irgendwie in der zweiten Reihe. Deshalb ist es mein Ziel, wenn Freizeitmöglichkeiten bestehen, diese dann auch mit der Familie zu verbringen. Das muss nichts Großes sein – da gehen wir auf den Berg wandern, kehren auf einer Hütte ein zum Essen. Also ganz rudimentäre, normale Dinge.

Spielen Sie eigentlich Golf? Kitzbühel ist ja eigentlich prädestiniert dafür …

Ich hab‘ jetzt grad angefangen, mit meiner Frau zusammen Golf zu spielen – ich hab‘ wirklich gerade erst meine Platzreife gemacht, vor zwei Tagen. Ich hab‘ das lange bewusst von mir ferngehalten, weil es einfach ein enormer Zeitaufwand ist. Aber es ist halt ein Thema, wenn man in Kitzbühel lebt – mit vier Golfplätzen vor der Haustür, 30 innerhalb einer Fahrtstunde rund um Kitzbühel. Dann kommst du an dem Thema nicht vorbei, weil es gesellschaftlich auch wichtig ist und weil man für Netzwerke und Beziehungspflege einfach immer wieder mit dem Thema konfrontiert wird.

Ob ich mich jemals zum passionierten Golfspieler entwickeln werde, weiß ich nicht. Es geht ganz gut durchs Tennisspielen, dieses Thema Ball, Hand, Auge, Schläger. Es ist ein spannender Sport, der mich durch den technischen Anspruch sehr begeistert.

Welche Art von Küche bevorzugen Sie, wenn Sie privat essen gehen?

Gute Frage … das ist ganz unterschiedlich bei mir. Ich würde mich als sehr pflegeleicht bezeichnen – ich mag genauso gern das Wirtshaus wie das 3-Sterne-Restaurant. Das ist ganz situativ bei mir und es hängt davon ab, wann, wo und mit wem. Ich bin durchaus ein Freund von großer Geschmacksküche, ich brauche immer Kraft im Essen und Aromen und Power. Das macht mir Spaß. Und das hat man sowohl im Wirtshaus als auch in der asiatischen Küche, aber bisweilen auch in der 3-Sterne-Küche. Das ist wirklich ganz quer gemischt bei mir. Ich mag sicherlich die mediterrane Ausrichtung sehr sehr gerne.

Wenn Sie jetzt unabhängig von Zeit und Raum IHRE perfekte Dinner Runde zusammenstellen könnten – wer würde am Tisch sitzen und was gäbe es zu essen?

Sicherlich meine Familie, das ist ganz ganz wichtig. Dann haben wir viele liebe Freunde, was ganz bunt gemischt ist – vom Kindergarten bis hin zu jungen Freundschaften, die man erst hier in Kitzbühel in den letzten drei Jahren aufbauen konnte. Da würd ich mir eine lustige Runde von fröhlichen und unkomplizierten Menschen zusammenbauen. Wahrscheinlich würden wir dann im Sommer grillen und im Winter würden wir Fleischfondue essen.

Was ist Ihr Lieblingsgetränk?

(Denkt nach). Das ist unterschiedlich. Ich trinke viel Wasser, aber irgendwann fehlt mir dann der Geschmack. Ein gutes Glas Rotwein – das ist mein Lieblingsgetränk.

Kochen Sie eigentlich selber?

Leider nicht mehr so schrecklich viel, weil’s meine Zeit nicht erlaubt. Aber ich hab‘ mal ein halbes Jahr in Paris tatsächlich gekocht in meiner Karriere. Ich hab‘ eine große Affinität zu dem Thema.

Wie würden Ihre Mitarbeiter Sie beschreiben?

Als fair, korrekt und sehr zugänglich. Bisweilen vielleicht auch ganz lustig. (Lacht)

(Ich lache auch) … das kam jetzt so hinterher, ganz langsam …

Spaß ist für mich ein elementarer Bestandteil von Erfolg. Es ist ja so: Ich verbringe weitaus mehr Zeit im Hotel mit meinen Kollegen und Mitarbeitern und Gästen – wenn ich da keinen Spaß hätte, würde ich ja was elementar falsch machen. Wenn man schon so viel Zeit investiert, dann doch auch mit erheblichem Spaßfaktor bitte!

Also … es ist nicht alles witzig – das ist ein erheblicher Unterschied. Es geht nicht um den Clown. Aber es geht um Lebensfreude. Wir wollen hier für unsere Gäste ja auch so etwas wie die Leichtigkeit des Seins ausstrahlen. Das ist ein großes Credo von mir: Ich sage voller Überzeugung, es ist elementar wichtig, unseren Gästen eine gute Zeit zu schenken. Wir sind hier ein Ferienhotel – die Gäste, die zu uns kommen, wollen eine gute Zeit verbringen, die wollen sich erholen, die wollen abschalten, die wollen auch Spaß erleben. Das geht aber eben nur, wenn das Team vor Ort das halt auch ein Stück weit ausstrahlt. Es muss ja keiner der Pausenclown sein, darum geht’s wirklich nicht. Es geht einfach um das Thema „Leichtigkeit des Seins“.

That’s it? Das reicht, um Gäste glücklich zu machen?

Es darf halt nicht so sein, dass ich mich jetzt zu 100 Prozent darauf konzentrieren muss, wie ich das Essen serviere – das muss selbstverständlich sein, da muss man Profi sein. Profitum ist dann das zweite Thema, das für mich wichtig ist – zu sagen: Ich weiß, wie man die Dinge richtig macht. Dann hab‘ ich da eine Sicherheit und viel mehr Zeit und persönliche Kapazität, um Leichtigkeit des Seins zu vermitteln – ein Gespräch zu führen, einen Tipp zu geben, einfach offen und entspannt zu sein. Dann schafft man so einen Moment für seine Gäste.

Worauf legen Sie bei anderen Menschen großen Wert?

Ehrlichkeit. Für mich ist das absolut wichtig. Und offenes Visier. Es gibt viele Hotelierskollegen, die ihren Beruf als Bühne betrachten – ich bin nicht auf einer Bühne! Ich bin ich selbst, in meinem Hotel! Authentizität! Ich bin kein Schauspieler – ich bin Hotelier!

Wie leben Sie als Chef diese Authentizität vor?

Alles was ich mache, was ich versuche, mit meinem Team zu machen, ist Herz und Seele, das Visier ist ganz offen. Ich habe einen sehr ausgeglichenen Führungsstil. Ich geb‘ da jetzt nicht den Choleriker, bin weit davon entfernt, irgendwo mal auszuflippen oder sowas. Ich zeige aber schon, wenn mir was nicht passt.

Der amerikanische Führungsstil – das hab‘ ich selber auch erlebt –, wenn du ein kritisches Gespräch führst und gehst dann da raus und hast gar nicht mitgekriegt, dass das jetzt ein kritisches Gespräch war, weil’s so nett verpackt und so nett formuliert war. Das macht ja keinen Sinn! Mein Umfeld und meine Mitarbeiter wissen sehr wohl, ob ich gut oder schlecht drauf bin und ob mir was gefallen hat oder nicht. Und das immer auf einem großen Level von Fairness. Ich würde von mir behaupten, ein großes Gespür für Recht und Unrecht zu haben.

Dazu passend gleich die Frage: Was verlangen Sie Ihren Mitarbeitern unbedingt ab?

Auch hier wieder natürlich Ehrlichkeit. Es ist aber auch Einsatzbereitschaft, den Extra-Schritt zu gehen, mehr zu tun als andere und an sich selber den Anspruch der Professionalität zu haben.

Was bedeutet für Sie persönlich Gastlichkeit?

Wenn’s unkompliziert ist. Wir sind ja Problemlöser und nicht -verursacher. Oft hat man als Gast aber das Gefühl, man stört. In Österreich ist das Gott sei Dank nicht so stark wie in Deutschland. In Deutschland ist zum Beispiel das Thema, du kommst in ein Restaurant und die erste Frage, die dir immer gestellt wird, ist: „Haben Sie reserviert?“ Was ist denn das für eine blöde Frage eigentlich?! Das ist schon das erste Problem!

Das gibt’s in Österreich aber auch allzu oft …

Aber anders! Machen wir das bitte mit dem Italiener. Das italienische und ein anderes Restaurant. Beim Italiener wirst du immer begrüßt mit: „Ciao! Come stai? Bellisima … Doctore, Professore …“ – komm‘ herein und meistens kriegst du erstmal ein Glas Prosecco oder irgendwas in die Hand gedrückt, es ist alles easy und gar kein Problem. Es geht nicht darum: Hast du einen Tisch reserviert oder nicht? Es geht erstmal darum: Toll, dass du da bist! Dann richten wir irgendwo einen Tisch und dann machen wir das schon. Beim Italiener klappt das immer irgendwie alles. Bei uns haben viele die Neigung dazu, es erstmal schwierig zu machen. Dann kommt hinzu – wenn du sagst „Nein, ich hab nicht reserviert“, kriegst du schon einen blöden Blick.

Gastlichkeit ist … natürlich hat das auch was mit Etikette zu tun – freundlich, hilfsbereit und das alles. Aber in erster Linie ist es das Unkomplizierte, das ich da sehe – es ist alles kein Problem, machen wir irgendwie, wird schon klappen. Auch wenn’s das größte Problem gerade darstellt – man muss sich trotzdem immer in sein Gegenüber hineinversetzen und sich fragen: Was sind da jetzt die Motivationen? Warum ist das jetzt so kurzfristig? Aber nicht das Gefühl geben: Jetzt störst du auch noch! Für mich geht’s darum: unkompliziert, freundlich, Herz und Seele – man muss spüren, dass da jemand mit Herzblut dabei ist und Spaß hat an dem, was er tut.

Was, wenn Fehler passieren? Mit Herzblut beheben?

Wenn ein Fehler passiert, aber charmant behoben wird, dann hat doch keiner ein Problem damit. Es kann mal ein Glas umfallen, das Essen kann falsch sein – es passieren halt immer wieder mal Fehler. Aber Fehler sind menschlich! Dann mit offenem Visier zu sagen: „Es tut mir leid – das machen wir jetzt besser!“ – in der Regel hat dann keiner ein Problem damit. Im Gegenteil: Du schaffst Momente, in denen sich der Gast sogar noch enger bindet.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Hinfallen ist erlaubt – nur nicht Liegenbleiben. Das ist ein Zitat, mit dem ich schon lange durch’s Leben gehe.

Was bedeutet für Sie persönlich Luxus?

Zeit. Einzig und allein Zeit und die Dinge machen zu können, zu denen ich gerade Lust hab‘.

Gab’s in Ihrer Karriere schon mal Ereignis, von dem Sie sagen: Das werde ich niemals vergessen? Und das Sie jetzt auch erzählen können, ohne jemandem auf die Füße zu treten …

Ich schmunzel da jetzt schon, weil das für mich immer noch so eine unfassbare Geschichte ist, die ich aber gerne erzähle …

Und die darf ich auch schreiben?

Die dürfen Sie auch schreiben. Eben weil das auch so menschlich und so herzlich ist. In meinem ersten Jahr hier, als wir das Hotel im Dezember 2011 eröffnet haben, war natürlich großes Bohei. Wir haben zu Weihnachten hin eröffnet, also am 7. Dezember, kurze Vorlaufzeit bis zur absoluten Hochsaison, dann ist mit Weihnachten absolute high saison. Dann kommt natürlich alles das erste Mal und es kam auch das erste Silvester.

Die Gala hat wunderbar funktioniert – das Essen war super, der Service hat toll geklappt. Dann kam natürlich Mitternacht. Es regnete an dem Silvesterabend Hunde und Katzen. Wir haben natürlich alle Gäste mit Schirmen auf die Terrasse getrieben zum großartigen Silvesterfeuerwerk und den Countdown gezählt und alles, und die Musik ging an, das war so ein musikbegleitetes Feuerwerk, so die ersten drei Takte und es macht „KKRRKTTT“ und es war aus und es ging nichts – es kam noch nicht mal ein Zisch, ein Zupp, ein Zapp. Absolut nichts. Keine Musik, kein einziges Feuerwerk, keine Rakete – null, zero.

Es war ein funkgesteuertes Feuerwerk, mit professioneller Firma und so weiter – es ging NICHTS. Es war irgendwo ein Defekt, vielleicht von der Feuchtigkeit, vom Wasser oder sonstwas und ich hatte 300 Gäste auf die Terrasse geschickt im strömenden Regen, stand selber draußen und dachte nur: Liebe Erde, tu‘ dich auf und lass mich hier ganz schnell verschwinden (lacht).

Das macht Sie sehr sympathisch, dass Sie über sich selbst lachen können …

Das ist doch wichtig im Leben. (Lacht). Ich hab noch eine Geschichte: Wieder die große Silvestergala bei uns im Haus. Alles ist prima gelaufen, ausgelassene Stimmung, laute Musik, Band, viele sehr lustige und zufriedene Gäste auf der Tanzfläche, und ich selbstverständlich zwischendrin. Und irgendwann steht ein Gast im Bademantel neben mir, klopft mir auf die Schulter und meint, ob ich denn nicht mitbekommen würde, dass Feueralarm im Haus ist!

Weil die Musik so laut war hab‘ ich das nicht sofort mitgekriegt. Meine Mitarbeiter hatten natürlich schon reagiert, die Situation geprüft und am Ende des Tages war es auch nur ein Fehlalarm, es ist also überhaupt nichts passiert.

Scheint irgendwie eine Art Silvesterfluch zu sein. Mögen Sie Silvester noch?

Ja – sehr! Auf die erste Geschichte werde ich heute noch angesprochen. Meine Silvestergäste, die jetzt dann das zweite und dritte Mal hier waren, fragen mich seither immer: „Und – haben wir dieses Jahr ein Feuerwerk Henning? Läuft das? Bist du sicher, dass das funktioniert?“ Wie man halt dann auch mit Fehlern und defects nachhaltig Verbindung knüpft …

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch und die vielen Einblicke, die Sie uns gegeben haben!

Sehr gerne!

Zur Person:

Henning Reichel ist seit August 2011 General Manager im Kempinski Hotel Das Tirol in Jochberg (Tirol/Österreich). Seine Karriere in der Hotellerie begann er im Brenners Park-Hotel & Spa in Baden-Baden. Weitere Stationen führten ihn nach Köln ins Excelsior Hotel Ernst, nach Hamburg an die Elbchaussee ins Hotel Louis C. Jacob, ins Schlosshotel Velden am Wörthersee sowie ins Falkenstein Grand Kempinski und Villa Rothschild Kempinski in Königstein am Taunus.

Henning Reichel wurde am 19.4.1972 in Braunschweig (Niedersachsen) als jüngstes von drei Kinder geboren und ist in Celle (zwischen Hannover und Braunschweig) aufgewachsen.

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