Interview mit Hannah Lux

Interview mit Hannah Lux

Es fasziniert mich immer wieder, wie weit junge Leute heutzutage sind – im Sinne von genau zu wissen, was sie wollen, bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, ihre eigenen Werte zu definieren und auch zu leben. Hannah Lux ist ein weiteres dieser jungen Wesen, die in diese Kategorie fallen. Was sie mit gerade mal 29 Jahren alles schon erlebt hat und wo sie heute steht ist beachtlich. Für den VIP-Bereich des Portals wirtschaftszeit.at habe ich sie interviewt.

Bei Oma und Opa in (der) Vollpension

Hannah Lux, Jahrgang 1987, ist Geschäftsführerin der »Vollpension«, einem sozialen Gastrobetrieb mit »generationendiversem« Team. Hier kommen Alt und Jung zusammen, rund 60 Prozent der Mitarbeiter sind Omas und Opas, für die das Generationenkaffeehaus sowohl Einkommens- wie auch Inklusionsmöglichkeit darstellt. 

Viele der rund 620.000 alleinstehenden Senioren in Österreich sind von Altersarmut betroffen – und das gleich in doppelter Hinsicht: finanziell und sozial. In der »Vollpension« schlagen sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie können sich ihre Rente ein wenig aufbessern und sind wieder Teil einer Gemeinschaft. Ein- bis zweimal pro Woche backen die (großteils geringfügig beschäftigten) Omas und Opas nach ihren eigenen Rezepten Kuchen und Torten in der »Vollpension« oder agieren als »Oma/Opa vom Dienst« und übernehmen damit tagsüber die Rolle des kommunizierenden Gastgebers. Unterstützt werden sie von jüngeren Kollegen, sowohl in der Küche als auch im Service. Die Gästeschar ist genauso bunt gemischt, der Generationendialog ist hier kein bloßes Lippenbekenntnis, sondern gelebte Realität.

Nach der Gymnasium-Matura verschlug es die in Bad Ischl (OÖ) geborene Hannah Lux für zwei Jahre nach Amerika, wo sie als Au-pair gearbeitet und mit dem Bachelor begonnen hat. Ihre Rückkehr nach Österreich ist dem Umstand zu verdanken, dass sie in den USA kein Studentenvisum bekommen hat. In Wien hat sie dann Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert, den Bachelor gemacht, und währenddessen ein Auslandssemester in Paris absolviert. Dort hat sich vieles für sie geändert …

Was ist in Paris passiert?

An der WU in Wien hab ich mich immer ein bisschen unwohl gefühlt, weil’s wahrscheinlich nicht das richtige Studium für mich war und ich von Leuten umgeben war, die zu 80 Prozent die große Berater- oder Managerkarriere angestrebt haben. In Paris habe ich dann bemerkt, dass ich ganz anders als meine Mitstudenten bin. Mir gefällt’s, über ethische Grundsätze zu philosophieren und darüber nachzudenken, wie man’s anders machen könnte. Den Leuten rundherum hat das nichts gegeben. Da war für mich spürbar: Okay, ich muss jetzt einfach was anderes machen.

Und »das Andere« war was genau?

Ich habe bei einer kleinen NGO in Wien zu arbeiten angefangen, nebenbei mein Studium fertiggemacht und anschließend am Non Profit Institut an der WU meine Bachelor Arbeit geschrieben zum Thema »Social Return on Investment«. Das ist ein Assessment Tool wie man soziale Wirkung messen könnte.

Soziales Engagement und profitorientiertes Unternehmertum – geht das zusammen?

Das Grundsystem unserer kapitalistischen Welt ist ein gar nicht so blödes, es ist nur einfach irgendwo – oder ein paar Mal – falsch abgebogen, zumindest in meiner Wertevorstellung. Aber mit unternehmerischen Mitteln sozialen Wandel zu gestalten erscheint mir immer noch als eine sehr sinnvolle Geschichte. Und das Ganze nicht an den Drittsektor abzugeben, sondern man kann ja auch Geld verdienen UND Gutes tun.

Wie haben Sie Ihr Vorhaben in die Tat umgesetzt?

Bei dieser kleinen NGO wurde soziale Arbeit im Zwangsprostitutionsbereich gemacht. Betroffene in Wien sind vorwiegend Frauen mit afrikanischem und osteuropäischem Hintergrund. Dort habe ich Hannah kennengelernt, sie war Sporttherapeutin und unsere Idee war, ein kleines Tanz-/Fitnessstudio zu gründen, um den betroffenen Frauen zu helfen. Reine psychotherapeutische Arbeit funktioniert bei diesen Leuten meist nicht wirklich, weil sie einfach anders ticken und viel über Bewegung geht. Wir haben dann »Footprint« gegründet und den Social Impact Award damit gewonnen. Mittlerweile ist das Projekt von der Caritas übernommen worden. So bin ich in diese ganze Social-Welt hineingekommen.

Was haben Sie noch gemacht, bevor Sie die Geschäftsführung der »Vollpension« übernommen haben?

Bei der Erste Bank habe ich fürs Social Banking Department gearbeitet. Es war total spannend, wie die Erste Bank damals noch sehr intensiv probiert hat, sich als Bank die Themen Mikrofinanzierungen und Finanzierung von Sozialunternehmen anzuschauen. Außerdem war ich für Sales und Partnerschaften im Impact Hub verantwortlich und hab dort dann selbst den Social Impact Award koordiniert. Der Hub ist im Grunde eine globale Plattform für soziale Innovationen und ein Ort für Leute, die soziale und ökologische Probleme durch unternehmerisches Tun angehen wollen. Ich habe viele Workshops in ganz Europa geleitet, viele junge Leute kennengelernt, die was machen wollen und die Welt quasi selbst anpacken wollen. Dort hab ich extrem viel gelernt.

Klingt nach viel Engagement, nach Innovation … 

Das war auch echt spannend, weil es da schon noch mal einen guten Einblick in die wirklich große Corporate Welt gibt, immer mit dem Fokus: Wie kann Innovation stattfinden, was können die Großen von den Kleinen lernen und umgekehrt. Ich bin glaub ich immer so ein bisschen der Brückenleger zwischen verschiedenen Welten …

So wie jetzt in der Vollpension, wo Alt und Jung und Social Business mit profitablem Wirtschaften einhergehen?

Genau. Ich habe dann gemerkt, ich will was Handfesteres, Bodenständiges machen. Die »Vollpension« gibt’s ja schon seit 2012 als Pop-up-Projekt und der Moritz und der Mike (Anm.: die ursprünglichen Gründer) – damals noch »Gebrüder Stitch« – sind schon seit längerer Zeit Freunde von mir. Ich hab das Projekt beobachtet, war selbst Gast und fand das immer schon eine super Sache und hab festgestellt, dass mir das Alt-Jung-Thema am Herzen liegt.

Haben Sie selbst ein gutes Verhältnis zu Ihren Großeltern?

Ja, ich hab eine sehr gute Beziehung zu ihnen. Meine Mama war Alleinerzieherin und ich war als Kind auch viel bei meinen Großeltern. Darum finde ich das nicht gut, wie sich unsere Städte entwickeln – da gibt’s das Thema Alt-Jung, Schwarz-Weiß, diese Trennungslinien, die wir uns künstlich erschaffen. Das ist ein Thema, da …

Ein sehr emotionales Thema offensichtlich …

Ich will und kann einfach nicht verstehen, wieso die Menschheit so tickt! Ich glaube, das ist das verbindende Element bei all meinen Projekten: Ich will Räume schaffen, Brücken bauen, wo sich Menschen wirklich wieder auf Augenhöhe näher kommen und wirklich miteinander tun und reden. Wo auch in einer gewissen Art ein sicherer Rahmen geboten wird, dass Menschen sich zeigen dürfen wie sie sind, mit all ihren Absurditäten, die wir alle so haben (lacht). Und da fügt sich die »Vollpension« gut ein.

Obwohl Sie vorhin meinten, Witschaft wäre nicht unbedingt Ihr Thema, wird Ihnen das Studium jetzt aber viel bringen – die »Vollpension« ist ein Social Business, muss aber dennoch profitabel wirtschaften …

Genau. Dass Wirtschaft nicht meins ist stimmt so nicht. Ich glaub die Richtung, in die Wirtschaften oft geht, dieses Nur-dem-Profit-Hinterherrennen und das zur obersten Maxime zu erheben, das ist das mit dem ich wenig anfangen kann. Das Spannende für mich passiert in dem Moment, wo du auch auf soziale oder ökologische Faktoren schaust, gleichzeitig aber trotzdem finanziell überleben oder vielleicht sogar Profit erwirtschaften willst.

Vielleicht noch mal ganz kurz die Uni-Geschichte fertig: Ich hab dann nebenbei zur »Vollpension« ein berufsbegleitendes Studium in Berlin gemacht, Public Policy, Master für politische Innovationen, was richtig genial war, wo ich auch nochmal erlebt hab, wie Lernen anders funktionieren kann. Ein total alternatives Studium, Privatuniversität, gegründet u.a. von der Gesine Schwan, eine in Deutschland recht bekannte SPD-Politikerin. Dort ist es ganz stark darum gegangen, Unternehmertum als politischen Hebel einzusetzen. Es geht weniger darum, politisch Einfluss zu nehmen in Sachen Parteiarbeit oder Lobbyismus, sondern darum, unsere Welt durch Unternehmertum zu gestalten. Das fasst ganz gut zusammen, was ich tun will.

Funktioniert in der »Vollpension« eigentlich alles reibungslos? Herrscht immer Friede-Freude-Eierkuchen?

Wo Menschen sind, da menschelts. Ein besonders gscheiter Satz. Ich glaub, wir haben schon sehr viel gelernt. Es braucht starke Tranparenz, viel und offene Kommunikation, den anderen so nehmen, wie er ist. Und trotzdem klare Regeln vorgeben, die jeder einhalten muss. Jeder in unserem Team, vom Abwäscher bis zur Oma bis zum Baristamitarbeiter identifiziert sich extrem stark mit der »Vollpension«. Das hat super viele Vorteile, weil die Leute uns treu bleiben, nix gestohlen wird, was in der Gastro normal gang und gäbe ist, und es einfach ein nettes Klima ist.

Was war Ihre bisher größte Herausforderung in der »Vollpension«?

Wir haben das Kaffeehaus hier in der Schleifmühlgasse wirklich mit Herz und Seele aufgesperrt, sind selbst ganz viel drinnen gestanden. Tag und Nacht. Jetzt sind wir in der nächsten Phase: Wir wollen skalieren und expandieren, haben auch schon das Geld dafür bekommen, erarbeiten ein Franchise- und Skalierungskonzept. Das ist glaub ich zur Zeit das Schwierigste für mich: Zuerst bist du selbst voll operativ drin, weil es einfach notwendig ist und jetzt gibt’s andere Leute – wir haben eine Betriebsleiterin, die macht einen super Job. Sich jetzt da rauszunehmen und sich selbst wieder in eine andere Rolle zu hieven, das ist grad echt schwierig. Das ist ja in jedem StartUp und jedem Betrieb einer der Knackpunkte, dass Gründer den Absprung schaffen und loslassen müssen. Das ist das Um und Auf.

Sie haben vorher schon von Ihren Großeltern gesprochen: Was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung an Oma und Opa?

Meine Großeltern hatten einen Hund. Was wir spazieren und wandern gegangen sind! Da verbinden sich Natur, Oma und Opa, gemeinsam Singen beim Wandern und der Hund dazu. Das ist für mich pures Glück, wenn ich an meine Kindheit denk.

Das war aber Kindheit, weil in der Jugend schaut’s dann ja meist anders aus punkto Lust auf Wandern und so, oder?

Es ist sicher weniger geworden. Es war dann halt nicht mehr jeden zweiten Tag oder so, aber wir sind trotzdem recht eng verbunden geblieben. Ich kann mich auch mit 16 dran erinnern, dass ich einmal im Monat mit dem Opa auf den Berg gegangen bin. Weil mein Opa halt auch so ein extrem bodenständiger Mensch ist, der recht unprätentiös einfach immer geradeheraus sagt, was er sich denkt. Das habe ich besonders als Teenager eigentlich recht gut gefunden, weil der Opa – ohne quasi mit dem Zeigefinger zu wedeln – mir immer recht ehrlich seine Meinung gesagt hat und ich das von ihm ganz gut nehmen hab’ können.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Ich geh’ ganz viel reiten, habe jetzt wieder damit angefangen, nehm mir endlich wieder die Zeit, regelmäßig dranzubleiben, rauszugehen in die Natur. Die Berge sind für mich immer noch Heimat, das ist einfach mein Gefilde. Ich mache sehr viel Yoga, fast jeden Tag. Das ist auch mein Weg, um mit mir und bei mir zu bleiben. Ansonsten treffe ich Freunde, gehe tanzen, lese viel.

Das klingt sehr ausgeglichen – hat das bei Ihnen immer schon so gut funktioniert?

Nein, schon vor der »Vollpension« bin ich in eine Schiene reingekommen, wo ich 60, 70 Stunden die Woche gearbeitet hab, weil die Arbeit hört halt nie auf wenn du selbständig bist. Seit einem dreiviertel Jahr nehm ich mir sehr bewusst meine Freiräume und mach wirklich zwei Tage die Woche frei und lass halt einfach auch mal was liegen. Sicher auch deshalb, weil ich unter anderem in meinem Umfeld beobachtet hab: Burnout unter Selbständigen ist ein Riesenthema. Mir geht’s seither viel besser und am Ende des Tages bringt man auch viel mehr weiter, wenn man sich regelmäßig Auszeiten nimmt.

Sie sind 29, werden im November 30. Ich finde es bewundernswert, was Sie in Ihrem Alter schon alles auf die Beine gestellt haben. Waren Sie immer schon so zielstrebig?

Ich war nie sonderlich zielstrebig. Ich hab irgendwann angefangen, sehr aus der Intuition und meinem Bauchgefühl heraus zu leben. Das war aber nicht wirklich bewusst, das ist es erst in den letzten eineinhalb, zwei Jahren geworden. Ich merke: Ich treffe bewusst Entscheidungen und setze mir bewusst Ziele, eben aus dem In-sich-Ruhen und Bei-sich-Sein heraus. Vorher war das absolut nicht so. Dafür war die WU auch gut – ich hab einfach gespürt, dass ich das nicht will und hab nach Alternativen gesucht und Gott sei Dank auch recht schnell was gefunden.

Thema Kulinarik: Sind Sie eher süß oder pikant »veranlagt«?

Pikant. Ganz klar. Ich sag immer: Ich hab ein Kaffeehaus mit einer Konditorei und ich mag nicht wirklich Kuchen und ich trink auch keinen Kaffee. Sehr spannend (lacht).

Dann erübrigt sich die Frage nach Ihrer Lieblingsmehlspeise. Andere Frage: Was darf in Ihrem privaten Kühlschrank nie fehlen?

Aha (zögert). Das ist eine traurige Frage wenn ich jetzt in meinen Kühlschrank schau, weil da steht glaub ich nur Butter drinnen. Ich bin, was meine Küche angeht, ein sehr asiatischer Typ würde ich sagen. Ich hab immer Kokosmilch zu Hause und viel Gemüse. Mittlerweile bin ich da eher auf der grüneren Seite …

Wenn Sie Urlaub machen – zieht es Sie dann auch in die Berge oder eher ans Meer?

Ganz klar ans Meer! Irgendwann muss ich schließlich auch mal ans Meer.

Abschlussfrage: Wenn Sie einen Appell an die Menschheit richten könnten, wie würde der lauten?

Leute, traut euch, ihr selbst zu sein und auch dazu zu stehen! Und geht mit Respekt für das Selbstsein der anderen durch die Welt! Ich glaube, das ist das Allerwichtigste, was es derzeit braucht, wenn man sich anschaut, was rundherum so abgeht.

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