Interview mit Gertrud Schneider

Interview mit Gertrud Schneider

Everybody’s darling zu sein ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Und Eier – weichgekochte – liebt Gertrud Schneider, Inhaberin des Hotel Kristiania in Lech am Arlberg, über alles. Wobei sie’s mit selber kochen aber nicht so hat, lieber lobt und genießt sie. Überhaupt meint sie, im Gegensatz zu ihrer Mutter und Schwester nicht unbedingt häuslich zu sein: «Stricken und häkeln – wenn ich nur daran denk, krieg ich schon Schweißausbrüche. Meine Schwester und meine Mutter sind da hingegen perfekt», erzählt sie lachend.

Dafür ist Gertrud Schneider eine spannende, tiefgründige Person, mit der man sich über Gott und die Welt unterhalten kann – ihr Repertoire erscheint mir unerschöpflich. Und mutig ist sie noch dazu. Sie wagt oft unkonventionelle Dinge – immer im Bewusstsein, damit vielleicht auch mal nicht so gut bei den Leuten anzukommen. Aber ihre Maxime (sie selber nennt es «Tick») war immer schon, anders als die anderen in Lech sein zu müssen, weil «ich find, man kann nicht so wie alle anderen sein.»

Das ist die 1969 Geborene auch ganz bestimmt nicht – ein Aufenthalt in ihrem Hotel Kristiania birgt immer Überraschungen jenseits dessen, was man üblicherweise in Hotels geboten bekommt: da gibt’s das Patschenkino, das Picknick im Schnee, das à la carte Frühstück (sie mag keine Buffets), den Lesebutler, die Yogamatte am Zimmer, der direkt vor den Gästen zubereitete Irish Coffee und und und.

Inspirieren lässt sie sich dabei von den vielen Reisen in aller Herren Länder, die sie dann unternimmt, wenn das Kristiania nach der intensiven Wintersaison in den Dornröschenschlaf gleitet. Den Einfluss fremder Kulturen sieht und spürt man überall im Haus, was ein ganz eigenes, aber sehr stimmiges Ambiente schafft. Typisch Kristiania eben. Oder besser gesagt: Typisch Gertrud Schneider.

Sind Sie schon im Hotel groß geworden?

Wir wohnen ja in Götzis und als Kinder waren wir immer nur in den Ferien hier. Meine Mutter ist sehr streng und wir durften nur ins Hotel, wenn wir uns gut aufgeführt haben. Wir mussten uns ordentlich kleiden und tolle Tischmanieren haben. Aber im Endeffekt waren meine Schwester und ich immer begeistert vom Hotel – es war wie das Märchenschloss. Für uns war das immer grandios, hier zu sein. Wir waren eigentlich immer ganz angetan vom Hotel.

Seit wann gibt’s das Kristiania eigentlich?

Mein Vater (Anmerkung: Othmar Schneider, Skirennläufer und Olympiasieger) hat das Haus 1968 gebaut, wollte aber ursprünglich ein Privathaus bauen, einfach eine Ski Lodge für ihn selber, weil er war zu der Zeit schon in den USA und in Chile. Seine Cousins haben dann aber gesagt: Man muss Gästezimmer haben und Geld einnehmen. Da hat mein Vater gesagt: Okay, dann hab ich auch Gästezimmer und kann meine amerikanischen Freunde alle nach Österreich bringen.

Und wann sind Sie dann eingestiegen und was macht Ihre Schwester?

Meine Schwester ist Künstlerin. Die Kunst ist überhaupt ein Thema in der Familie meiner Mutter. Ich hab nie gewusst, was ich machen soll und war dann in Luzern auf der Hotelfachschule. Aber essen, trinken, schlafen zu verkaufen war mir natürlich immer zu wenig und irgendwann während der Schulzeit ist mir quasi der Blitz aufgegangen: Ich kann ja eigentlich meine eigene Persönlichkeit hineineinfließen lassen und das ein wenig anders als die anderen machen. Und so bin ich dann 1992 ins Hotel gekommen, davor war ich noch im Hotel Sacher in Salzburg – damals noch Österreichischer Hof – als Direktionsassistentin.

Haben Sie anfangs noch parallel mit Ihren Eltern das Kristiania geführt?

Das Hotel war eigentlich eher das Baby meiner Mutter. Als ich kam, war sie offen für alles – fast zu offen. Sie hat einfach gesagt: Mach wie du willst. Manchmal hätt ich schon gern Feedback gehabt, aber ich hab wirklich machen können, was ich wollte. Mir hat das dann angefangen Spaß zu machen und ich glaub, dann hat sich das Kristiania in etwas verwandelt, das wirklich meines ist. Und ich glaub, meine Mutter hat auch Freude daran, weil wir haben dann viel mehr die zeitgenössische Kunst nach Lech gebracht und die Idee gehabt, mit verschiedenen jungen Autoren Kurzgeschichten herauszugeben.

Kunst ist ein großes Thema in Ihrer Familie. Wie kommt’s?

Das kommt schon von meiner Großmutter mütterlicherseits. Da gingen daheim in Götzis teilweise auch Schriftsteller ein und aus beim Mittagessen und diese Beziehungen zu den Künstlern wurden immer gepflegt in der Familie. Ich hab das einfach ins Hotel mit reingenommen und dann hat es zwei Seiten gehabt: einerseits den nostalgischen Skifahrer und Olympiasieger und dann noch diese Kunstsache.

Das ist in der Tat ganz anders als die anderen Hotels hier in Lech …

Ja, ich glaube, das Kristiania ist mehr eklektisch, es ist so zusammengewürfelt und gibt aber genau daraus unseren eigenen Lebensstil wieder. Das ist uns wichtig. Und dann findet man glaub ich auch die Gäste, die zu einem passen.

Haben Sie selber Familie?

Ich hab keine Familie. Wir sind ein Drei-Mädl-Haushalt, three ladies: Meine Mutter, meine Schwester und ich (lacht).

Sie reisen ja sehr gerne – gibt’s da Lieblingsdestinationen, bevorzugte Länder?

Ich reise sehr gerne, ja. Und eigentlich überall hin, ich mag alles gern, die ganze Welt. Ich find’s auch schön, andere Menschen kennenzulernen und andere Kulturen. Wir haben das schon als Kinder gemacht. Ich glaube, das macht einen toleranter und offener für alles.

Sie gehen auch sehr offen auf Menschen zu. Wenn ich alleine an die herzliche Begrüßung heute denke …

Also ich glaub, das müssen wir alle da heroben können. Sollten wir können (lacht). Müssten wir können. Weil das Gastgeber sein – entweder man kann’s oder man kann’s nicht. Es ist auch dieses dienen können. Es klingt zwar blöd, aber ich sag’s auch meinen Mitarbeitern immer, das Dienen gehört zum Gastgeber sein dazu. Es ist einfach wie wenn man daheim Gäste empfängt: Es muss einem jeder wichtig sein … oder zumindest muss man dann so gut schauspielern, dass der Gast das Gefühl hat, dass wir jetzt nur auf ihn gewartet haben.

Wie würden Ihre Mitarbeiter Sie als Chefin beschreiben?

Keine Ahnung, da muss man sie fragen (lacht). Aber ich glaub, ich bin schon inspirierend. Ich versuch, eher originelle Mitarbeiter zu engagieren, die Charakter haben. Das ist dann manchmal zwar schwieriger zum Führen, aber ich find es ist weniger langweilig. Wir haben ein sehr internationales Publikum und ich finde, die sollen Österreich von einer tollen Seite kennenlernen. Wir versuchen alles eher wie in einem feinen privaten österreichischen Haushalt zu machen – auch mit den Büchern und teilweise Kaffeegeschirr von Augarten und so. Ein bissl old world lifestyle und Jahrhundertwende.

Zurück zum Thema Reisen: Wie kann man sich Gertrud Schneider auf Reisen vorstellen? Besuchen Sie da auch Berufskollegen?

Ich lass mich gern inspirieren, aber das muss nicht unbedingt von anderen Hotels sein. Das können Gerüche am Basar von Istanbul sein oder einfach wie man am Flughafen empfangen wird von einem Hotel oder wie man am Flughafen wieder abgeladen wird, das kann schon inspirierend sein. Ich bin auch auf Details aus. Aber es kann auch ganz was anderes sein. Ich war zum Beispiel in Marrakesch und die haben in der Wüste ein tolles Picknick gemacht und da kam mir eben diese Idee, wir können so ein Picknick doch im Schnee machen. Da bin ich eigentlich ganz stolz drauf, weil damit kann man die Gäste wirklich begeistern.

Wenn das Kristiania jetzt nach der Wintersaison die Pforten schließt – welches Reiseziel steht als nächstes auf der Agenda?

Ich hab noch gar nicht richtig geplant. Ich fahr auf jeden Fall nach Bordeaux, aber zuerst fahr ich nach Götzis. Ich bin schon auch sehr gern zu Hause. Ich glaub man kann nur reisen, wenn man auch ein Zuhause hat. Mein Lebensmittelpunkt ist schon Lech, aber mein Zuhause ist Götzis.

Was machen Sie dann daheim in Götzis so?

Ich bin eine große Gärtnerin und daheim sein im Frühling ist hervorragend. Und ich genieße dann einfach auch das Zuhause, weil’s eben kein Hotel ist, weil man kann nicht abschalten im Hotel. Also ich zumindest nicht, weil ich seh dann auch andere Sachen, nicht nur positive manchmal. Ich geh auch gern mit den Hunden spazieren …

Also Natur ist auch ein großes Thema für Sie?

Ja, das mag ich sehr sehr gern. Also ich könnte auch nirgends sein, wo keine Berge sind. Ich bin ein Landmensch. Ich fahr gern in die Stadt, wohne aber lieber am Land.

Wenn Sie so viel reisen – gibt’s spezielle Küchenrichtungen, die Sie präferieren?

Nein, ich mag eigentlich alles. Ich bin da ziemlich unkompliziert, sehr offen, wie mit allem. Ich mag von asiatisch über die Straßenküche in Vietnam bis zur new nordic cuisine alles (lacht). Ich mag’s nicht, wenn’s aufgesetzt ist oder kopiert ist. Ich find, auch eine Jause kann super sein oder einfach Kässpätzle. Es muss einfach nur authentisch und gut gemacht sein.

Kochen Sie selber auch?

Ähm, ein wenig. Aber ich bin sozusagen komischerweise nicht so häuslich wie der Rest unserer Familie (lacht). Stricken und häkeln – wenn ich da nur dran denk, krieg ich schon Schweißausbrüche. Meine Schwester und meine Mutter sind da perfekt. Meine Schwester ist eine super Köchin – ich bin eher die, die genießt. Ich find, es braucht auch immer jemanden, der genießt und lobt. Wichtig ist mir, woher die Produkte kommen. Wir haben ganz viel im eigenen Garten und im Sommer machen wir dann sehr viel mit Gemüse.

Was darf in Ihrem privaten Kühlschrank nie fehlen?

Eier. Ich liebe ein weich gekochtes Ei zum Frühstück, bin da ganz traditionell. Ich hasse Milchprodukte, die kann ich nicht essen, leider. Aber Eier dürfen nicht fehlen. Butter mag ich auch gern. Da ich selber nicht so koche, leb ich eher so vom Prosciutto wenn ich allein bin (lacht). Und Brot und Butter. Ich finde, ein gutes Butterbrot reicht vollkommen, das ist köstlich.

Haben Sie ein Lieblingsgetränk?

Hmm … den hausgemachten Johannisbeersaft von Götzis, ja. Und sonst bin ich ein Fan von Weißweinen und Burgunderweinen.

Lesen Sie gerne?

Ich lese sehr gerne. Deshalb auch die Idee mit dem Lesebutler – wir organisieren für unsere Gäste Literatur und Bücher.

Und was lesen Sie selber?

Selber les ich sehr gern Biografien und Geschichtsbücher. Ich war immer fasziniert von Russland. Die erste Reise, die ich unternehmen wollt, war mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren. Ich war wirklich fasziniert von der russischen Geschichte – Katharina die Große und so weiter. Das interessiert mich sehr. Und alles was mit Kunst zu tun hat.

Und Musik – welche Richtung ist da die Ihre?

Das ist auch so ein Thema. Da bin ich echt klassisch. Also mit Festivals und Popmusik kenn ich mich gar nicht gut aus (lacht), das ist an mir vorbeigegangen. Ich bin ja so russisch affin – ich mag gern Schostakowitsch, ich mag Tschaikowski, ich mag Rachmaninow. Ich mag das alles. Ich mag aber auch zeitgenössische Musik – wir haben ja das Ensemble Recherche einmal im Jahr da. Meine Mutter unterstützt dieses Ensemble, es ist ein Ensemble für zeitgenössische Musik, aus Freiburg. Und die machen immer ein Hauskonzert bei uns.

Zum Abschluss: Was würden Sie einem jungen Menschen, der den Weg in die Hotellerie/Gastronomie einschlagen will, mit auf den Weg geben?

Ich freu mich über jeden, der diesen Weg wählt, weil es ist eine schöne Profession. Speziell in der Ferienhotellerie beschäftigt man sich mit der schönsten Seite des Jahres – die Gäste machen Urlaub. Das heißt, man sollte relaxed sein, aber die jungen Leute, die wollen immer gleich Boss sein, grad die Hotelfachschüler. Und ich find, das darf man nicht zu schnell, man muss da hineinwachsen. Ich hab das auch bei mir selber gesehen. Man muss Erfahrung sammeln. Sonst fehlt einem die Menschenkenntnis. Also ein Maître oder ein Chef de Reception müssen schon um die 30 sein, wobei das auch noch jung ist …

Man kann vielleicht fachlich schon so weit sein, aber …

Ich arbeite sehr viel mit jungen Leuten. Manche könnens. Manche können Boss sein mit 18. Aber manche könnens mit 40 nicht. Manche könnens nie. Und gerade das Thema Führen … aber auch mit den Gästen – ich glaub, man wird ernster genommen, wenn man nicht mehr gar so jung ist und mit 18 oder mit 25 hat man einfach noch nicht diese Menschenkenntnis. Außerdem muss sich jeder bewusst sein, dass man eben dienen muss. Das klingt so blöd und vielleicht altmodisch, aber ich sag das all meinen Mitarbeitern: Wir sind dafür da, das zu tun, was die Gäste wollen. Die Gäste ärgern uns ja nicht – die wollen irgendwas von uns und das müssen wir ihnen geben. Da darf uns nix zu blöd sein.

Glauben Sie, dass die jungen Leute heutzutage ein Problem damit haben?

Solche such ich mir nicht aus muss ich sagen. Manche sind natürlich schon ein bissl speziell. Aber wenn jemand nicht passt, muss er bei mir sofort gehen. Der Winter ist so kurz und der Gast merkt sofort, wenn’s nicht passt. Und ich möcht einfach diese nette Atmosphäre im Hotel haben und die hab ich nur, wenn’s auch mit den Mitarbeitern passt.

Wie wählen Sie die Mitarbeiter aus? Nehmen wir jetzt mal als Beispiel den Küchenchef …

So alle zwei bis drei Jahre wechselt das …

Aber trotzdem ist die Qualität der Kristiania Küche konstant gut – das ist beachtlich!

Man muss sich halt gute Leute aussuchen (lacht)! Das ist schwierig, aber es geht. Der Johann Zusser bleibt jetzt vielleicht länger nehm ich an. Die Küchenchefs bringen dann teilweise schon ihr eigenes Team mit und ich misch mich da eigentlich überhaupt nicht ein. Die dürfen machen, was sie wollen. Ich will auch nicht, dass sie immer das Gleiche machen … also gut, Wiener Schnitzel muss natürlich auf der Karte stehen, aber wenn die jetzt keine Gulaschsuppe machen können, müssen sie im Kristiania sicher keine Gulaschsuppe machen. Meine Philosophie ist: Jeder soll das tun, was er gut kann.

Man macht nur das gut, was man gerne macht …

Eben. Und den Gästen ist’s egal, was man ihnen serviert – Hauptsache, es ist gut. Ich find, die Hotels in Lech sind alle sehr gut und die Küche ist schon ein bissl ähnlich im Großen und Ganzen. Drum macht’s nix, wenn man mal was anderes macht. Weil schlussendlich kochen wir alle nur mit Wasser. Und guten Zutaten hoffentlich! (Lacht)

Comments are closed.