Eine Weihnachtsgeschichte. Oder: Das kann Kommunikation.

Eine Weihnachtsgeschichte. Oder: Das kann Kommunikation.

Dieser Beitrag soll zeigen, was mittels Kommunikation möglich wird (im konkreten Fall: eine zufriedenstellende Lösung für beide Seiten) und was es dazu braucht.

Die Situation

Sonntag, vierter Advent, abends, am Fuße der Bregenzer Oberstadt. Nicht nur mein Mann und ich hatten die glorreiche Idee, einen Weihnachtsmarkt zu besuchen – dementsprechend aussichtslos ist die Parkplatzsituation. In der Oberstadt selbst haben wir ohnehin keine Chance, also kehren wir um und fahren wieder runter. Am Fuße der Oberstadt, parallel zur Stadtmauer bietet sich ein schmaler Streifen für zwei, maximal drei Autos als Parkfläche an. “Halten & Parken verboten”-Schild haben wir beim Runterfahren keines gesehen – wenn wir also ganz knapp an der Stadtmauer parken, kommt auch der Anrainer gut mit seinem Auto raus, wir behindern also niemanden.

Gesagt, getan. Als wir aus dem Auto aussteigen, schallt es uns schon entgegen: “Parken Sie Ihr Auto woanders, sonst zeige ich Sie an!” Der erwähnte Anrainer lehnt im ersten Stock seines Hauses am Fenstersims und spricht zu uns. Ich frage in freundlichem Ton, warum er uns anzeigen wolle, hier sei Halten & Parken doch nicht verboten. Jetzt werden wir gleich doppelt beschallt. “Sicher ist hier Halten & Parken verboten”, kommt es vom Fenstersims und “Dann bleiben’s halt stehen, Sie werden schon sehen, was Sie davon haben!”, pöbelt’s mich aus der dunklen Ecke zwischen Gartenmauer und Auto an. Aha, ein weiterer Mann, noch dazu sehr unhöflich. Ich werde ärgerlich und sage: “Ich habe eine ganz normale Frage gestellt und darauf hätte ich gern eine normale Antwort!”, während mein Mann sich schon umdreht, zum Auto geht, einsteigt und einen anderen Parkplatz suchen will.

Ich gehe Richtung Haus. Die “Stimme aus dem Off”, also der “untere” Mann, der mir so unwirsch geantwortet hat, ist schon wieder im Garten verschwunden, wo ich ihn immer noch vor sich hin keppeln höre. Also wende ich mich an den Mann am Fenstersims und bitte ihn, mir die Sache zu erklären, denn wir hätten beim Runterfahren extra aufgepasst, nirgendwo ein “Halten & Parken verboten”-Schild gesehen und verstünden deshalb wirklich nicht, was daran unzulässig sei. Außerdem sei ich bei einem Kinderarzt-Besuch (der seine Ordination um die Ecke hat) schon mal hier gestanden und es war kein Problem gewesen.

Ja er müsse halt mit seinem Auto rauskönnen und ich glaube ja gar nicht, wie blöd und rücksichtslos sich die Leute hier mit ihren Autos immer hinstellen. Aha, hier liegt also die Ursache der Reaktion begraben. Verständlich. Woraufhin ich erwidere, dass ich meinen Mann extra darauf hingewiesen habe, sich knapp an die Mauer zu stellen, damit er eben mit dem Auto (das sichtbar vor seiner Garage abgestellt ist) vorbeifahren kann. “In der Garage habe ich aber noch ein größeres Auto und mit dem käme ich da jetzt nicht vorbei”, erklärt mir der Fenstersims-Mann. Okay, verstehe. Also wenn wir noch knapper an der Mauer parken würden, käme er dann vorbei und wäre es dann okay für ihn, wenn wir hier stehenbleiben würden? Ja, dann wäre es für ihn okay. “Und dann zeigen Sie uns nicht an?”, frage ich skeptisch. Nein, dann zeigt er uns nicht an. “Und der Mann von unten, der vorhin so böse auf meine Frage geantwortet hat?”, hake ich sicherheitshalber noch nach. Nein, auch der würde uns nicht anzeigen, mit dem würde er schon reden. Gut, dann ist ja alles klar.

Mein Mann parkt unser Auto gaaaanz knapp an die Mauer ran. Ich drehe mich zum Fenstersims und frage: “Okay so?” Er nickt und sagt: “Passt! Viel Spaß am Weihnachtsmarkt!” “Dankeschön! Und Ihnen einen schönen Abend!” Beide strecken wir den Daumen hoch – als Zeichen, dass wir beide zufrieden mit der gefundenen Lösung sind.

Reden macht’s möglich

Die vorigen Absätze stellen lediglich einen Auszug unseres Gespräches dar, das insgesamt bestimmt an die zehn Minuten gedauert hat. Als ich mich gegen Ende unserer “Verhandlungen” meinem Mann, der ja schon wieder im Auto saß, zuwandte und ihm sagte, wir können hier stehen bleiben, er solle sich lediglich noch etwas knapper zur Mauer stellen, grinste er und meinte: “Hast wieder deinen Charme spielen lassen?” Woraufhin ich entgegnete: “Nein, ich hab bloß zugehört und geredet. Ich kann ihn schon verstehen. Was glaubst du, wieviele Leute sich hier einfach hinstellen ohne Rücksicht drauf zu nehmen, ob er mit seinem Auto rausfahren kann oder nicht. Das würde mich auch grantig machen – stell dir vor, du musst schnell mit deinem Kind ins Krankenhaus oder so!”

Und wir kennen die Situation von unserem eigenen Zuhause. Wenn am Gelände gegenüber große Veranstaltungen stattfinden, parken auch oft Leute direkt vor unserer Garage – wobei eigentlich offensichtlich ist, dass das eine Garage ist und vor einer solchen kann man doch nicht einfach sein Auto parken! Wir reagieren dann genauso ungehalten wie der “Fenstersims-Mann” und der “Mann aus dem Off” – außer, man fragt uns vorher, dann lassen wir natürlich mit uns reden. Wie dieser Mann ja auch. Was mir immer noch leichte Sorgen machte, war der “untere Mann” – hoffentlich bringt ihn der Fenstersims-Mann auch wirklich dazu, uns nicht anzuzeigen …

Charakterstärke

Eine knappe Stunde und einen Glühwein später kommen wir zu unserem Auto zurück. Als ich einsteigen will, entdecke ich ein zusammengefaltetes Kuvert in der Türschnalle. “Oh nein – da ist jetzt irgendeine Gemeinheit drinnen, der hat uns doch angezeigt!”, schießt es mir sofort durch den Kopf. Kaum sitze ich im Auto, nehme ich den Zettel aus dem Kuvert. Was da geschrieben steht, macht mich sprachlos – aber nicht vor Ärger, sondern vor Freude darüber, wie gut (ein besseres Wort fällt mir im Moment nicht ein) Menschen doch sein können und was man mit Kommunikation alles erreichen kann.

Auf dem Zettel stand geschrieben (siehe Bild oben):

Sehr geehrte Herrschaften,

ich möchte mich an dieser Stelle für die ungerechtfertigte “Überreaktion” Ihnen gegenüber entschuldigen.
Es ist Ihr gutes Recht in dieser Situation nach einer ordentlichen und begründeten Antwort zu verlangen …
Nochmals: Ich bitte um Verzeihung!
Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend und besinnliche Festtage.

Hochachtungsvoll,
“der untere Mann” 😉

Einfach nur WOW – oder? Hut ab vor diesem Mann, der die Größe hat, sich zu entschuldigen – wie ich meinem Kind immer sage: “Es ist nicht schlimm, einen Fehler zu machen – entscheidend ist einzig und allein, wie du damit umgehst!”

Die Zutaten

Aus meiner Sicht braucht’s lediglich ein paar simple “Zutaten”, um mittels Kommunikation zu solch einer für beide Seiten zufriedenstellenden Lösung zu kommen wie in unserem Fall.

Punkt 1: Interesse

Ehrliches und aufrichtiges Interesse am Gegenüber: Warum reagiert er so? Was ist sein Motiv? Was sind seine wahren Beweggründe? Hat er vielleicht in der Vergangenheit diesbezüglich schon negative Erfahrungen gemacht?

Punkt 2: Einfühlungsvermögen

Sich in die Lage des anderen hineinversetzen: Wie ginge es mir in dieser Situation als Betroffener? Wie würde ich empfinden?

Punkt 3: Verständnis

Verständnis für die Situation des Gegenübers: Ich nehme die Sorgen, Ängste, Gefühle, Zweifel meines Gesprächspartners ernst und habe Verständnis dafür.

Punkt 4: Respekt und Wertschätzung

Ich bringe meinem Gesprächspartner Wertschätzung entgegen und behandle ihn respektvoll. Dazu kommuniziere ich auf Augenhöhe: Ich höre aufmerksam zu, lasse ihn ausreden, spreche niveauvoll mit ihm und schleudere ihm bestimmt keine Schimpfwörter entgegen.

Hoffnungsschimmer

Klar, jemanden, der wie ein vom Menschen auf böse getrimmter Pitbull reagiert und nur Gift und Galle spuckt, werden Sie wahrscheinlich auch mit den genannten Zutaten nicht beschwichtigen können, selbst wenn Sie mit Engelszungen auf ihn einreden. Bei zwei halbwegs “normalen” Menschen sollte das Rezept jedoch funktionieren – sofern die Zutaten entsprechend eingesetzt werden.

Diese Geschichte mag zwar aus meinem privaten Leben gegriffen sein – sie funktioniert aber genauso im beruflichen Kontext, mit Ihren Kunden, Gästen oder Patienten.

Dieser “untere Mann” verdient meine allergrößte Hochachtung, meinen Respekt und meine Wertschätzung. Und: Er lässt mich wieder an das Gute im Menschen glauben. Dafür bin ich ihm außerordentlich dankbar – ganz besonders jetzt vor Weihnachten …

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